Zwar lässt sich im Januar noch wenig übers Kinojahr sagen. Eine Prophezeiung aber ist möglich: Nadine Labakis „Capernaum – Stadt der Hoffnung“, der an diesem Donnerstag startet, zählt zu den härtesten Filmen der kommenden zwölf Monate. Für ihn wechselte die Libanesin erstmals das Genre. Ihre bisherigen Regiearbeiten, das warmherzige Debüt „Caramel“ und der musicalhafte Beitrag „Wer weiß, wohin?“ bewegten sich feinfühlig zwischen Komik und Tragik.
Nun hat sie sich an den Abgrund gewagt. Einen Abgrund, den in dieser Drastik schon die italienischen Neorealisten ausloteten. Ab den Vierzigerjahren versuchten sie, die Misere des Menschen schonungslos zu zeigen und Kritik an den schrecklichen sozialen sowie menschenverachtenden politischen Umständen zu üben.
Labaki kennt die Neorealisten. Als politische Filmemacherin begreift sie sich allerdings nicht. „Es ist eher eine humanistische Motivation. Es geht darum, meine Verantwortung als Mensch, als Künstlerin wahrzunehmen. Auch ich bin irgendwo für dieses Chaos verantwortlich. Ich bin Teil dieses Systems.“ Das Chaos, von dem Labaki spricht, spielt sich auf den Gassen und Plätzen Beiruts ab, aber auch in anderen Städten des Libanon. Ungefähr 1500 Straßenkinder leben in dem Land – unter prekärsten Bedingungen. Das sind nicht nur Armut und Hunger. Die meisten Kinder haben keinen Pass, sie existieren quasi nicht, können nicht ins Krankenhaus, nicht in die Schule. Etwa 60 Prozent von ihnen sind syrische Flüchtlinge.
„Man kann sich nicht vorstellen, wie vernachlässigt sie sind“, sagt Labaki. „Viele werden täglich vergewaltigt, missbraucht und geschlagen.“ Die meisten sind hochgradig traumatisiert. Für ihren Spielfilm, der das Leben dieser Kinder zeigt, hat die Regisseurin viel recherchiert. Nicht nur in der Theorie. Sie ging selbst auf die Straße, in Jugendstrafanstalten und Gefängnisse, wo viele Kinder landen. Dort stieß sie auch auf einen etwa siebenjährigen Buben. „Als er mich ansah, realisierte ich, dass er kein Kind mehr war. Er war von zu Hause abgehauen, weil er von seiner Mutter und ihrem Ehemann missbraucht worden war. Um auf der Straße zu überleben, musste er sich jeden Tag von den Leuten aus der Nachbarschaft vergewaltigen lassen, um essen zu bekommen.“
Härter als die Buben trifft es die Mädchen. Viele werden an ältere Männer verkauft und zur Ehe gezwungen. Wenn sie schwanger werden, sind sie oft noch Kinder. Labaki berichtet: „Manchmal sterben sie, weil ihr Körper für die Schwangerschaft zu jung, zu schwach, zu zerbrechlich ist.“
Zwei dieser Straßenkinder stehen im Zentrum ihres Films „Capernaum“. Den zwölfjährigen Zain und das Kleinkind Yonas gibt es wirklich. Sie spielen sich in gewisser Weise selbst, wenn auch mit Abweichungen. Der echte Zain ist mit seiner Familie vor dem Syrienkrieg in den Libanon geflohen. Seine Eltern sind sehr arm, er wuchs großenteils auf der Straße auf. Als Nadine Labaki ihn traf, konnte er nicht mal seinen Namen schreiben. Eine Schule hatte er nie besucht. Heute, nach dem Dreh, geht es ihm besser. Er konnte mit seiner Familie nach Norwegen auswandern. Auch Yonas, im echten Leben ein Mädchen namens Treasure, ist inzwischen glücklicher dran. Im Libanon lebte sie illegal. Nun wohnt sie in Kenia, hat einen Ausweis und wird kindgerecht betreut.
„Capernaum“ enthält viele erschütternde, entsetzliche Passagen. Der Zuschauer will heulen, schreien. Nadine Labaki aber weist darauf hin, dass die Realität deutlich härter sei als der Film. Trotz des kritischen Inhalts bekam die Regisseurin bei ihren Recherchen nie Ärger mit den libanesischen Behörden. „Es ist fast schon mysteriös. Natürlich wissen sie, dass ich das Versagen des Systems thematisiere, aber dennoch konnte ich es machen. Es ist, als gäbe es Leute in der Regierung, die etwas ändern wollten, aber nicht wissen, wie.“