„Mein wichtigstes Projekt“

von Redaktion

Gerhaher singt Schumann

VON MARKUS THIEL

Eine eindeutige Hitliste gibt es. Und dass diese so angreifbar wie persönlich ist, weiß Christian Gerhaher selbst. Aber Tatsache für ihn ist eben: Robert Schumann bleibt der Wichtigste, noch vor Franz Schubert und Gustav Mahler. Wohl auch, weil das Verschattete und Zerrissene, das nur Angedeutete und Unerklärbare, das Doppel- und Dreifachbödige dieser Lieder ideale Denk-Tummelfelder für den Münchner Bariton biete.

Von daher überrascht es wenig, dass sich Gerhaher mit dem ihm symbiotisch verbundenen Pianisten Gerold Huber an eine Gesamteinspielung aller Schumann-Lieder macht – das „wohl wichtigste Projekt meines Lebens“, wie der Sänger sagt. 2020 soll die Box mit zehn CDs vorliegen, die Auftaktscheibe trägt den beziehungsreichen Titel „Frage“.

Dass Schumann meist in Zyklen dachte, auch abseits der berühmten „Dichterliebe“, ist für Gerhaher evident. Der „lyrischen Dramaturgie“ dieser Lied-Zusammenhänge möchte er nachspüren. Und wer jetzt fürchtet, dabei sei wohl eine großbürgerliche, hochintellektuelle Zeigefinger-Platte herausgekommen, eine tönende Schumann-Lektion, der irrt. Es ist wahr: Gerhaher neigt auch zur Überpointierung, zum Ausstellen von Erkenntnissen. Doch scheint diese Phase überwunden, wie gerade diese Aufnahme zeigt. Mehr noch: Es gibt aufreizende Brüche mit der Tradition.

Eines der bekanntesten Lieder der CD, „Die beiden Grenadiere“ aus Opus 49, zum Beispiel erfährt eine Umdeutung. Kein wütender Antikriegsgesang ist das bei Gerhaher, sondern – ganz im Sinne des Versdichters Heinrich Heine – ein fein gezeichnetes, sarkastisches Porträt männlicher Hybris. Wie überhaupt klar wird, dass Schumann (samt Heine) in den drei Liedern mit Geschlechterrollen und -klischees spielt.

So leicht, so druckarm, so im positiven Sinne ungeschützt und unverkleidet, so nahe am Klang der Sprechstimme wie auf diesem Album war Gerhaher wohl noch nie. Er unternimmt keine Abgrundwanderungen, eine helle Nachdenklichkeit ist vielmehr zu hören. Die schönsten Momente bringen dabei die zwölf Lieder auf Texte von Justinus Kerner. Wie im „Wanderlied“ auch in hoher, unangenehmer Lage Atmosphärenwechsel gezaubert werden, wie in „Erstes Grün“ die subtilen Verzögerungen wirken, als werde das singende Ich plötzlich von Zweifeln angeweht, wie in „Auf das Trinkglas eines verstorbenen Freundes“ vollkommen pathosfrei das Thema Tod umkreist und Unsagbares über letzte Dinge mitschwingt, das ist derzeit konkurrenzlos.

Nicht nur in „Stille Liebe“ denkt Gerold Huber am Klavier das nicht Ausgesprochene rein instrumental weiter. Und dass man tatsächlich hört, wie „Wunderblau“ klingen kann, ist nur einer der kleinen großen Momente dieser CD. Vor eineinhalb Jahrzehnten haben Gerhaher und Huber schon einmal Schumann eingespielt, damals die „Dichterliebe“. Ein paar Jahre später folgte das Album „Melancholie“. Es spricht viel dafür, dass das Gespann mit der Wiedervorlage seine Erstdurchgänge weit übertrifft. Mit „Frage“ gelingt ihnen nämlich ein scheinbares Paradox: das Ideal von reflektierter Einfachheit. Vielleicht das Größte, was man als Liedsänger erreichen kann.

Robert Schumann:

„Frage“. Christian Gerhaher, Gerold Huber (Sony Classical).

Artikel 6 von 8