Wir sind Herakles

von Redaktion

Regisseur Simon Solberg über seine Helden-Version am Volkstheater

Den alttestamentarischen Moses und Homers Odysseus hat Regisseur Simon Solberg im Münchner Volkstheater bereits höchst originell und geistreich auf die Bühne gewuchtet. Unter anderem. Jetzt hat sich der 40-Jährige einen weiteren altehrwürdigen Stoff vorgeknöpft. Morgen feiert sein „Herakles“ Premiere.

Ihre Inszenierungen von Klassikern wie „Faust“ und „Jungfrau von Orleans“ bis hin zum „Moses – Mash-Up-Musical“ haben klassische Themen sehr geschickt in die Gegenwart gebracht. Aber was lässt sich am alten Halbgott „Herakles“ modern interpretieren?

Das Spannende für uns am Herakles-Stoff war, dass da einem von Anfang an gesagt wird: Du bist stärker als alle anderen. Du bist besser. Du kannst das. Du kriegst das hin. Jetzt kämpfst du gegen diese Untiere, dann gegen jene, dann räumst du dort auf, und dann vernichtest du noch dieses Urvolk… Das erinnert doch deutlich an die moderne Welt der Lohnarbeit. Erst kommt die eine Aufgabe, dann ist die nächste zu erledigen, danach erreicht man zwar eventuell ein anderes Level, aber letztlich kommt man als Erwachsener nie aus diesem Kreislauf heraus.

Das liegt am cleveren Belohnungssystem, das man von Kindesbeinen an lernt, oder?

Genau. Spätestens ab der Schule mit den Noten funktioniert das bei jedem perfekt. Man wird ausnahmslos für seine Leistung gelobt. Oder erhält später im Berufsleben dafür mehr Geld. Das haben wir komplett verinnerlicht. Daher erledigen wir alles, was an uns herangetragen wird, auch aus freien Stücken. Doch genau genommen geht es nie um uns selber, sondern ausschließlich um die Leistung, um die zu erledigenden und die erledigten Aufgaben. Sich da rauszuziehen und bewusst auf die Bremse zu treten, das ist wahnsinnig schwer und kostet unter Umständen auch wirklich viel Mut. Das sehe ich an mir selbst. Weil die Gegenseite ja sofort annimmt, man sei zu faul oder traue sich nicht oder habe es womöglich einfach nicht geschafft.

Also sind wir alle ein bisschen Herakles?

Ja, so funktioniert unsere Gesellschaft. Niemand kann sich diesem Leistungsprinzip völlig entziehen. Und gleichzeitig stürzt dieses System einen Menschen, in unserem Fall den rechtschaffenen Arbeiter Herakles, in die komplette Tragödie. Er bekommt diese ganzen Aufträge und versucht, alles richtig zu machen. Und glaubt jedes Mal, dass danach alles endlich besser wird. Aber ein Hamsterrad sieht von innen ja auch nach einer Karriereleiter aus. Doch immer stellt sich heraus, wie wir in der Wirklichkeit ebenfalls längst wissen, dass diese absolvierten Tätigkeiten zulasten von irgendjemand anderen gehen. Auf Kosten der Länder, die wir ausbeuten oder verschmutzen, auf Kosten der Familie, für die wir keine Zeit mehr haben, oder wie in der Finanzwirtschaft auf Kosten aller, mit unabsehbaren Folgen.

Erzählen Sie die Biografie von Herakles chronologisch der Sage nach?

Grundlage für unsere Inszenierung sind die Texte von Euripides, von Gustav Schwab und von Frank Wedekind, der dazu selbst ein Stück geschrieben hat. Die Reihenfolge der Ereignisse bleibt ziemlich nah an dem, was Wedekind skizziert hat.

Was passiert genau?

Zu viel darf ich da nicht verraten, sonst gibt es ja keine Überraschungen mehr. Aber insgesamt befindet man sich die gesamte Zeit über im Unterbewusstsein von Herakles. Der durchlebt sein Leben noch einmal. An den jeweiligen Weggabelungen und Scheidewegen kann man im Nachhinein viel erkennen. Was falsch läuft in unserer Sozialisation. Wann das angefangen hat, dass wir glauben, es würde uns glücklich machen, so viel zu arbeiten.

Das ist Ihre sechste Arbeit am Volkstheater. Was lockt Sie immer wieder hierher?

Es ist einfach ein Geschenk herzukommen. Weil es so ein familiärer Betrieb ist, mit einer so liebevollen Leitung. Weil alles so schön eng beieinander ist und man sehr gewissenhaft versucht, Theater zu machen. Trotzdem darf jeder seinen Stil behalten. Christian Stückl schreibt niemandem etwas vor. Es gibt ein unglaubliches großes Vertrauen in meine Arbeit und in die der anderen. Das ist toll. Ich habe das sonst nirgendwo in dieser Form erlebt.

Das Gespräch führte Ulrike Frick.

Premiere

morgen, 19.30 Uhr;

Telefon 089/ 523 46 55.

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