Käfighaltung

von Redaktion

INTERVIEW Ulrich Rasche über seine „Elektra“ fürs Münchner Residenztheater

Neun Tonnen Stahl wurden diesmal verbaut für sein Bühnenbild. Ulrich Rasche ist auch im übertragenen Sinn ein Schwergewicht unter den Theatermachern der Gegenwart. Nachdem er mit seiner fulminanten, zum Berliner Theatertreffen eingeladenen „Räuber“-Inszenierung auf dem Rollband für einen Höhepunkt am Münchner Residenztheater sorgte, wuchtet er dort jetzt Hugo von Hofmannsthals „Elektra“ auf die Bretter. Angeblich ist das Residenztheater neben dem Salzburger Festspielhaus die einzige Bühne, die Rasches Anforderungen technisch gewachsen ist. Wir trafen den Regisseur, Jahrgang 1969, zum Gespräch.

Liegt es an Ihrer Vergangenheit als Kunsthistoriker, dass Bühnenbilder bei Ihnen eine so zentrale Rolle spielen?

Ich fasse Text weniger als linear verlaufende Erzählung auf, sondern eher als räumliche Anwesenheit von Sprache, als Körper, der im Raum ist und aus dem heraus sich Sprache entwickelt. Insofern haben meine Bühnenbilder schon etwas „Installatives“.

Und was ist aus den neun Tonnen Stahl diesmal für eine Bühnen-Installation entstanden?

Ich habe einen Metall-Turm entworfen, ein Gefängnis, das permanent in sich selber kreist. In diesem Fürstenhaus, der Atriden-Familie, zu der Elektra gehört, herrscht eine Art Blockade. Die Konflikte zwischen Elektra, ihrer Mutter und ihrer Schwester sind seit dem Mord am Vater Agamemnon wie versteinert. Die Figuren sind „eingekerkert in sich selbst“, wie es im Text heißt, darum hat der Turm eine Gitterstruktur, etwas Käfighaftes.

Was hat Sie gerade an der Hofmannsthal-Fassung dieses griechischen Sagen-Stoffes gereizt?

Der psychoanalytische Hintergrund dieser Aneignung, den es im antiken Drama so noch nicht gibt. Mich interessiert hier der innere Konflikt eines Menschen. Hofmannsthal hat die drei Frauenfiguren als „Schattierungen eines intensiven Farbtons“ bezeichnet. Elektra steht für ihre Ideale ein, aber es fällt ihr nicht leicht, sich selbst treu zu bleiben, denn sie ist ständig konfrontiert mit den Gegenstimmen der anderen, die auch innere Stimmen sind. Darum habe ich versucht, diese Stimmen der Mutter und der Schwester Elektras zu vervielfachen, es ist ein Chor, der hinter ihnen steht.

Was hat die Mythenfigur Elektra mit uns zu tun?

Da gibt es eine konkrete und eine allgemeine Verbindung. Die konkrete: Elektra will nicht, dass ein geschehenes Unrecht, nämlich die Ermordung ihres Vaters, vergessen wird. Wir befinden uns ja gerade in einer Phase, in der die letzten Augenzeugen der jüngsten deutschen Geschichte sterben; insofern muss man natürlich überlegen, wie man die Erinnerungskultur bewahren kann, auch gegen etwaige Widerstände.

Und die allgemeine Verbindung?

Elektra muss sich fragen: Bleibe ich bei meiner Außenseiterposition, bei meinem Widerstand, oder passe ich mich der Mehrheit an? Im Gegensatz zu ihr sind wir doch alle nur zu geneigt, uns von Bequemlichkeit und materiellen Vorteilen leiten zu lassen, also wegzuhören und wegzusehen, wenn Unrecht geschieht. Die Kräfte, die einen idealistischen, kämpferischen Menschen überstimmen wollen, nehmen in unserer Gesellschaft zu, der Konformitätsdruck steigt.

Das heißt, Sie interpretieren diese Geschichte deutlich politisch?

Unbedingt, ja. Meine Arbeiten sind extrem politisch. Das System arbeitet subtil, indem die Mehrheit ruhig gehalten und mit Vorteilen angefüttert wird, während man den Abweichler attackiert. Angesichts dieses Drucks gehen die meisten Nonkonformisten irgendwann an ihren eigenen Zweifeln zugrunde und schlagen sich auf die Seite derer, die sich eingerichtet haben.

Alles andere ist ja auch sehr anstrengend…

Genau. Als wir jung und voller Ideale waren, hätten wir uns nie vorstellen können, dass wir einmal so werden, wie wir jetzt sind. Aber je deutlicher man die Endlichkeit des Lebens sieht, um so schwächer werden die Kräfte und umso größer verständlicherweise die Bequemlichkeit.

Können Sie mit dem Begriff „Pathos“ was anfangen?

Der kommt mir in letzter Zeit häufiger in die Quere, wenn meine Arbeiten beschrieben werden. Ich bin tatsächlich der Meinung, dass das ironische, hauptsächlich mit sich selbst beschäftigte Theater, das uns 25 Jahre lang dominiert hat, vorbei ist. Aber die Gegenposition dazu ist nicht Pathos, sondern Ernsthaftigkeit. Und angesichts der heutigen Lage scheint mir mehr Ernsthaftigkeit dringend nötig.

Interview: Alexander Altmann.

Premiere

ist am Freitag, 19.30 Uhr, im Münchner Residenztheater (ausverkauft); für die zweite Vorstellung am Samstag, 19 Uhr, gibt es noch Karten unter 089/ 21 85 19 40.

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