Diese Rolle wollte er unbedingt spielen. Dafür kam er sogar nach München zu Dieter Dorn an die Kammerspiele. Und als dort 1996 Botho Strauß’ „Ithaka“ seine Uraufführungspremiere hatte, war er der umjubelte Odysseus: Bruno Ganz.
Aber so wie der Griechen-Held nach 20-jähriger Irrfahrt mit einem Siegeslächeln im Gesicht ans Ufer seiner Heimat-Insel kroch, war für den Schauspieler das Gastspiel in München durchaus kein Nachhausekommen. Abgesehen von einer Hölderlin-Lesung, hatte er 28 Jahre vergehen lassen, ehe er sich hier wieder vor den Zuschauern blicken ließ. Dabei hatte sich von ihnen wohl kaum einer an die frühe Peter-Stein-Inszenierung von Brechts „Im Dickicht der Städte“ mit ihm als George Garga erinnern können.
München war nicht seine Stadt. Dennoch wurde er hier geliebt, so wie in allen anderen Städten auch. Denn Bruno Ganz war nicht nur ein glanzvoller Theater-Star, Zentrum aller berühmten Peter-Stein-Inszenierungen, er war auch immer wieder und bis zuletzt der große Akteur in den Filmen von Wim Wenders, Volker Schlöndorff, Theo Angelopoulos, Silvio Soldini, Bille August, Lars von Trier, um hier nur einige wenige zu nennen.
Zum Theater, das sich so sehr verändert hat, habe er, wie er einmal bedauerte, den Kontakt verloren. Der Film war ihm künstlerisches Zentrum geworden: „Es ist einfach toll, weil man auch weiß: Das bleibt. Es ist doch tröstlich, wenn schließlich nicht nur das Haar im Kamm bleibt, sondern es mit dem Ende der Existenz Sachen gibt, die mit dem eigenen Namen weitermachen – sei es durch eigene Kinder oder durch Werke.“ Gedanken, die Bruno Ganz 2010 in einem Interview aussprach.
Nun ist er nach schwerer Krankheit mit 77 Jahren in seiner Heimatstadt Zürich gestorben. Abgetreten von der Bühne des Lebens, eingegangen ins Pantheon des Welttheaters und die Ruhmeshalle der Filmgeschichte.
„Mir schtinkt’s“, war sein erster Satz auf einer Theaterbühne. Und die Distanz, die bereits in diesem Ausruf geradezu prophetisch mitschwingt, diese gewisse Skepsis oder Reserviertheit sich selbst, den einzelnen Figuren und genauso dem Publikum gegenüber machte seine Kunst aus. Nie komplette Hingabe, immer die intelligente, kreative, mit großem Charisma verbundene darstellerische Draufsicht.
Nachdem der am 22. März 1941 geborene Bruno Ganz vor dem Abitur die Schule geschmissen, ein wenig Schauspielunterricht genossen und im kleinen Theater am Hechtplatz mit jenem markanten Satz 1961 sein Debüt gegeben hat, ging es auch schon rasant aufwärts. Göttingen, Bremen, Berlin.
Seine Regisseure: Entdecker Kurt Hübner, der große Peter Zadek, der geniale Klaus Michael Grüber, der legendäre Peter Stein, zu dessen sagenhafter Schaubühnen-Mannschaft er gehörte. Unwiederbringliche Theater-Glücksmomente. In den späten Sechziger- und den Siebzigerjahren gesellschaftspolitisch links geerdet, künstlerisch hochinnovativ, die berühmteste und modernste Truppe Europas – und Ganz einer ihrer Protagonisten. Man pilgerte nach Berlin, um ihn als einen der verschiedenen Peer Gynts zu sehen, als Torquato Tasso, Hamlet oder Prinz von Homburg oder bei den Salzburger Festspielen in „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ und als „Prometheus gefesselt“. Später dann kamen „Coriolanus“, 1993, dazu sowie im Jahr 2000 die 21-stündige Stein-Inszenierung von „Faust I+II“ zur Expo in Hannover. Damals allerdings musste der Schauspieler auf die ersten Vorstellungen verzichten; ein Bühnenunfall hatte ihn kurz vor der Premiere außer Gefecht gesetzt, und Christian Nickel übernahm in einer Meisterleistung zusätzlich zu seinem Part des jungen Faust auch noch den des alten dazu.
Je größer die Künstler, umso anfechtbarer ihr Tun. Man erwartet etwas von ihnen und weiß gar nicht genau, was. Gewiss, das Außergewöhnliche, Einmalige, Hellsichtige, Aufklärerische, Herzerschütternde, eben irgendwie einfach alles. Und all das hat Bruno Ganz, oft auch unter Qualen, die ihm der Alkohol bereitete, seinem Publikum gegeben – in „Der amerikanische Freund“, „Der Himmel über Berlin“ oder „In weiter Ferne so nah“, in „Brot und Tulpen“, „Der Baader Meinhof Komplex“, „Nachtzug nach Lissabon“ sowie jüngst erst „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Und war er nicht der liebenswerteste und beste aller Großväter im neuen „Heidi“-Film? Seine letzten Kinorollen spielte er in Lars von Triers „The House that Jack built“ und in „Der Trafikant“ nach dem Roman von Robert Seethaler.
Doch wenn zwischen so ungemein vielfältiger künstlerischer Erfüllung auch einmal etwas misslingt, vielleicht weil ein Regisseur fehlte, der dem Schauspieler ein Partner auf Augenhöhe hätte sein können, dann sind bei vielen Enttäuschung und Unverständnis groß. „Der Untergang“ von 2004 – ein Filmtitel mit beinahe prophetischer Vision für den Schauspieler. Als Schweizer mag Bruno Ganz geglaubt haben, Adolf Hitler spielen zu können. Dabei hatte er jedoch seine sonst so phänomenale Kunst der Distanz und Dezenz verloren; offenbar spürte er nicht, dass er mit einer derart psychorealistischen Darstellung ein skandalöses Rollenbild lieferte, was ihm zwar Ruhm, aber auch Spott und Hohn einbrachte.
Zum Glück waren Bruno Ganz danach noch 15 Jahre vergönnt, diesen Fauxpas wieder gutzumachen. Auch das Alkoholproblem war er los. Er war gefragt, begehrt und arbeitete ohne Unterlass. Gerne und oft wurde der Träger des Iffland-Ringes als bester deutschsprachiger Schauspieler tituliert. „Es gibt keine ,besten Schauspieler‘“, antwortete er dann. „Das ist ja nicht wie in der Formel 1, wo man sagen kann: Schumacher ist Weltmeister.“
Ein großer Meister seines Fachs war Bruno Ganz zweifellos. Unvergessen wird er bleiben – bei den Menschen, die als Zuschauer ihm zujubelten, und jenen, die privat um ihn weinen, darunter sein blinder Sohn und seine Lebensgefährtin, die Fotografin Ruth Walz.