Von der „Elphi“ lernen

von Redaktion

Was der Streit um die Akustik in Hamburgs Konzertsaal für München bedeutet

VON MARKUS THIEL

Den Fischmarkt erwischte es Anfang Januar. Tief Benjamin verrichtete die erste Sturmflutarbeit des Jahres. Alles unter Wasser, alles allerdings sehr beherrschbar, die Hamburger sind anderes gewöhnt. Auch die Wellen, die zum selben Zeitpunkt gegen ihr neues Wahrzeichen brandeten. Der Auslöser in diesem Fall, Tief Jonas, gerierte sich als Hurrikan: Seitdem Tenorissimo Kaufmann die Elbphilharmonie als akustisches Unding brandmarkte, seitdem in seinem Konzert Hörer ihre Plätze verließen und „Lauter!“ riefen, ist eine Debatte wieder neu entbrannt – Deutschlands teuerster Saal also ein Klang-Unfall?

Alle sind sie seitdem aus den Löchern gekommen. Journalisten namhafter Medien, die nach dem Eröffnungskonzert vor zwei Jahren die „Elphi“ schmähten. Aber auch Akustiker, die es schon längst und besser gewusst haben wollen und denen jüngst die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ ein Forum gab. Wobei diese Kritik vielleicht auch, wie „Die Zeit“ genüsslich verbreitete, einen ganz anderen Grund hatte: Die Urheber waren in Hamburg dem Kollegen Yasuhisa Toyota unterlegen.

An der Situation hat sich trotz Kaufmann & Co. nicht viel geändert. Die Elbphilharmonie hat eben zwei Tücken: eine typische Toyota-Akustik, die extrem erhellend sein kann, aber auch erbarmungslos in ihrer Entblößung spiel- und singtechnischer Fehler. Und viele Sitzreihen, die hinter dem Podium liegen, weshalb man im Zweifelsfall „nur“ das Kreuz eines Tenors oder wahlweise den tiefen Rückenausschnitt der Sopranistin erblickt. Auch in der Berliner Philharmonie gibt es übrigens solche Plätze, was schon lange keinen mehr stört.

Ohnehin ist die Frage, ob das Gros der Besucher mit dieser Debatte überhaupt etwas anfangen kann. Wie eine Anfrage der Hamburger CDU ergab, kann der große Saal der Elbphilharmonie zwischen November 2017 und November 2018 eine Auslastung von mehr als 98 Prozent, der kleine von mehr als 92 Prozent vorweisen. Ursprünglich kalkulierte die Betriebsgesellschaft in diesem Zeitraum mit fast 250 000 Euro Minus, unterm Strich bleiben bloß 3000. Die Elbphilharmonie hat sich vom einstigen Skandal- zum Erfolgsmodell gemausert.

Der Erfolg erklärt sich auch mit der Bauweise. Die Weinberg-Struktur mag im Falle von Gesangsabenden problematisch sein. Gleichzeitig ist der Saal aber Architektur gewordene Demokratie. Die Ausführenden im Zentrum, auf einer Agora der Musik, drumherum ihre Konsumenten, diese auch noch dank der steilen Ränge relativ nah an der Klangquelle: Soziopolitisch gesehen ist die „Elphi“ ein Raum für alle, mehr jedenfalls als „Schuhschachteln“ à la Wiener Musikverein oder Luzern, die Besucher der billigen Plätze auf Abstand halten. Was auch vergessen wird: Es gibt tatsächlich Musikfreunde, die sich Plätze hinter dem Orchester aussuchen – weil sie dann den Pultstars ins Gesicht blicken und deren Kunst aus anderem Blickwinkel studieren können. Vieles, was gerade gegen die Elbphilharmonie vorgebracht wird, speist sich also auch aus snobistischem Expertentum. Sogar „Touristen“, so schüttelte sich ein Kritiker, verirrten sich in den Saal.

Dass die Hamburger nicht über den weltweit besten Klang verfügen, ist unbestritten. Sogar Akustiker Yasuhisa Toyota hat durchblicken lassen, er sei mit der Architektur unzufrieden: Der Saal sei zu groß, zu hoch; der von ihm ersonnene „Stempel“, der von der Decke nach unten ragt, könne das nur teilweise auffangen. First-Class-Orchester punkten dort mit ihren detailscharfen Interpretationen, andere, wie das Hausorchester vom NDR, müssen am Saal wachsen. Oder, wie es Tenor Pavol Breslik nach dem Eröffnungskonzert unserer Zeitung gegenüber ausdrückte: Gerade weil man in der „Elphi“ alles höre, könne man auch mit dieser Akustik spielen.

In München wird das alles mit größter Aufmerksamkeit beobachtet. Architekten und Akustiker, so hat man begriffen, müssen beim Konzerthaus im Werksviertel eng zusammenwirken. Überhaupt wird sich in den nächsten Wochen entscheiden, welchen Klang man sich für Münchens neuen Saal gönnen möchte. Auch hier ist bekanntlich Toyota Favorit. Sein Name verspricht Sicherheit in einem von Ängsten begleiteten Entscheidungsprozess: Mit Toyota, so der Gedanke, könne ein gewisses akustisches Niveau gar nicht unterschritten werden.

Zum anderen bleibt der Japaner der Liebling der Dirigenten, auch Mariss Jansons will ihn durchsetzen – und hat offenbar gerade deshalb das künstlerische Beratungsgremium fürs Konzerthaus verlassen. Während mancher von Zwist und Zwangsabschied raunt, beschwichtigen andere: Die Teilnahme des Toyota-Fürsprechers Jansons lasse sich nicht mit den europäischen Vergaberichtlinien vereinbaren, das sehe dieser auch ein. Einen GAU wie gerade beim Gasteig, wo der Architektenwettbewerb wegen Pannen bei der Vergabe nochmals aufgerollt werden muss, will man schließlich unter allen Umständen vermeiden. Nicht nur lernen von der „Elphi“ heißt es also gerade beim Konzerthaus, sondern auch vom Gasteig.

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