„Modern und emanzipiert“

von Redaktion

Thilo Wydra über Hitchcocks Frauenfiguren, denen er ein Buch gewidmet hat

Der Kern-Typ war Grace Kelly. Sie verkörperte die sogenannte Hitchcock-Blondine perfekt. Der Hitchcock- und Filmexperte Thilo Wydra (50) hat nun ein Buch zum Thema veröffentlicht. Wir trafen den Münchner Autor zum Gespräch über Hitchcock (1899-1980), die Frauen, den Feminismus und eine Blondine, die für Kontroversen sorgte.

Welche Rolle im Kreativprozess spielte Hitchcocks eigene Frau?

Alma Reville war bei den frühen Filmen mitunter zuständig für Schnitt und Drehbuch. Sie hat zusammen mit Thornton Wilder das Skript zu einem seiner besten Filme, „Im Schatten des Zweifels“, geschrieben. Sie hat die Drehbücher angenommen oder abgelehnt. Wenn Alma sagte, das Skript tauge nichts, hat Hitchcock es sofort weggelegt: „Madam doesn’t like the Book.“ Als Alma Reville zwei Jahre nach Alfred 1982 starb – sie waren 53 Jahre verheiratet –, schrieb die „Los Angeles Times“ den wunderbaren Satz: „Der Hitchcock-Touch hatte vier Hände – zwei davon gehörten Alma.“

Sie schreiben, Identität sei in Hitchcocks Filmen ein wichtiges Thema. Welche Identität haben seine Frauenfiguren?

Ich empfinde sie als moderne und emanzipierte Frauen. Etwa Grace Kelly in „Das Fenster zum Hof“. Ihre Figur will den Protagonisten, dargestellt von James Stewart, zwar heiraten, macht sich aber nicht von ihm abhängig. Sie hat ihre eigene Meinung und lässt sich nicht unterbuttern. Ein anderes Beispiel ist „Die Vögel“: Tippi Hedren spielt ein Society-Girl, das Affären hat, um keinen Witz verlegen ist und sich nichts vorschreiben lässt. Frauen sind hier eben nicht von Männern abhängige Opfer.

Für mich gehört „Marnie“ zu seinen härtesten Werken. Der Mann vergewaltigt Marnie, weil er sie heilen will. Das sind schlimmste patriarchale Machtfantasien.

Natürlich ist die Figur von Sean Connery in „Marnie“ schwierig. „Marnie“ ist über Jahrzehnte sehr unterschätzt worden. Früher hat man das Werk als schwachen, schlechten, enttäuschenden Hitchcock-Film bezeichnet. Heute gilt der Film als psychologisches Meisterwerk. Worauf ich mich immer konzentriert habe, sind die Szenen zwischen Mutter und Tochter, in denen es um Vergebung geht. Die Tochter sagt zur Mutter: Du hast mich nie geliebt. Und die Mutter sagt: Aber du warst doch mein Leben lang das Einzige, was ich lieben konnte. Da zerreißt es mich.

„Marnie“-Hauptdarstellerin Tippi Hedren hatte zuvor „Die Vögel“ gedreht…

Der Film war für Hitchcock sehr schwierig, was die Technik anbelangte. Da war er als Perfektionist sehr gefordert. Die Dreharbeiten mit Tippi verliefen gut. Zum Schluss kam die Dachboden-Sequenz. Von Montagmorgen bis Freitagnachmittag wurde gedreht, dann brach Hedren zusammen. Vorher hatte man ihr gesagt, sie würde von künstlichen Vögeln angegriffen, sei also in Sicherheit. Doch am Montagmorgen ließ Hitchcock ihr über Dritte ausrichten: Es sind echte Vögel, sie werden auf sie losgelassen, und sie werden durch Gummibänder und Drahtseile mit dem Kleid verbunden.

Sie wurde also anfangs über die Umstände des Drehs belogen. Dazu kam Hitchcocks Feigheit. War das nicht, sehr charmant formuliert, eine ganz schwache Nummer?

Zeitzeugen wie Rita Riggs, Kostümbildnerin und Garderobiere bei „Marnie“ und „Die Vögel“, erzählen: Hitch war ein Clown, der introvertiert war und die Leute gerne ein bisschen provoziert hat. Aber sie würde ihm niemals zutrauen, dass er jemanden auch nur ein Haar gekrümmt hätte. Da der Dreh Hedren so mitgenommen hat, hätte sie nach „Die Vögel“ aufhören können. Aber sie hat „Marnie“ mit ihm gemacht.

In ihrer Autobiografie erhob Hedren 2016 Vorwürfe, Hitch habe sie beim Dreh sexuell belästigt.

Sie schreibt, er sei ein Sadist, ein Monster, ein Misogynist gewesen. Sie ist übrigens die Einzige, die das behauptet. Er habe ihre Karriere zerstört. Gleichzeitig schreibt sie, sie habe ihm absolut alles zu verdanken. Das sind sehr ambivalente Aussagen. Ich finde es wichtig anzumerken, dass Hitchcock sich im Gegensatz zu Harvey Weinstein oder Kevin Spacey nicht mehr wehren kann. Er ist tot. Und das, was man mir über ihn erzählt hat, klang immer vollkommen anders. Karin Dor etwa hat geschwärmt von diesem gebildeten, humorvollen Gentleman. Alle, die ihn kannten, mit ihm gearbeitet haben und heute noch leben – darunter etwa die Kinder von Grace Kelly und Ingrid Bergman –, erzählen genau das Gegenteil dessen, was allein Tippi Hedren behauptet.

Das Gespräch führte Katrin Hildebrand.

Thilo Wydra:

„Hitchcock´s Blondes“. Schirmer/Mosel Verlag, 232 Seiten; 39,80 Euro.

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