Solange das „autonome Fahren“ auf der Straße noch nicht funktioniert, können wir uns jetzt zumindest mit autonomen Verpackungsbeilagen trösten. Jene bunten Kunststoffkuben, die man benutzt, um Waren bruchsicher zu versenden, ruckeln und zuckeln im Münchner Kunstverein ganz autonom über den Boden dahin. Aber dieser drollige Spuk ist nur der Auftakt. Denn gleich im nächsten Raum reckt sich dem Besucher eine Monster-Schlange entgegen, ein Riesenwurm in zartrosa Pastellfarben. Oder ist es eher ein gigantischer Bläh-Darm, der da im haushohen Ausstellungssaal herumhängt?
Es könnte allerdings auch eine Spiel- und Hops-Landschaft für Kinder sein oder ein Wohlfühl-Wohnambiente für Trendsetter, was die spanische Künstlerin Eva Fàbregas (Jahrgang 1988) hier eingerichtet hat. Zu bestehen scheint das weiche Gewürm aus Kugeln mit kleinen Stachelnoppen, umhüllt von einem hautartigen Stoffschlauch. Natürlich wecken solche drallen Rundungen, die sich in knallengen Textilhüllen wellen, unweigerlich auch erotische Assoziationen. Zumal sich Lautsprecher wie Saugnäpfe an das Ding schmiegen und es unter Brumm- und Dröhngeräuschen auf fast obszöne Weise erzittern lassen – zusätzlich zur fantastischen Klangwolke, die den Raum erfüllt.
„Those Things that your Fingers can tell“ (etwa: „Was deine Finger erzählen können“) heißt diese wunderbar sinnlich-haptische Ausstellung, in der man die Exponate trotzdem leider nicht berühren darf. Unheimlich und infantil zugleich wirken all diese Objekte, aber vor allem auch saukomisch. Denn neben ihrer Kugelschlange hat die Künstlerin noch allerhand Witziges auf Lager. Etwa eine Nasenklemme, wie sie von Wettkampfschwimmern benutzt wird. Allerdings ist dieses atemberaubende Artefakt hier im Maßstab 1:1000 vergrößert und rittlings auf einen Mauervorsprung gesteckt, an dem es nun wirklich nichts zu klemmen gibt.
Aber auch die knubbeligen Hartschaumgebilde, die möbelartig in der Gegend herumstehen, changieren in ihrer Anmutung zwischen organisch-fließenden Formen und linkischer Verklemmtheit. Sind es futuristische Sessel? Übungsgeräte aus der Physiotherapie? Einerseits kommen uns die Objekte von Eva Fàbregas alle „irgendwie“ vertraut vor, andererseits wirken sie völlig fremd und unverständlich.
Aber genau aus dieser Mischung resultiert die wohltuende Unsicherheit, die sie auslösen – einen kitzligen, fast ins Frivole spielenden Schwebezustand der Empfindung, die sich der vertrauten Rubrizierung unserer Affekte jäh entzieht. Sicher ist es Zufall, dass diese Ausstellung ins Jahr des Bauhaus-Jubiläums fällt, gleichwohl wirkt es, als würde sie der Ästhetik des rechten Winkels und der Funktionalität eine lange Nase drehen.
Funktionsloser, spielerischer als Fàbregas’ anarchische Wülste, Knollen und Würste kann kaum etwas sein. Darum gibt es als Ausgleich zur prallen Vitalität dieser Schau noch eine kleine Memento-Mori-Installation im Schaufenster des Kunstvereins unter den Hofgartenarkaden: Der Finne Juha Pekka Matias Laakkonen (Jahrgang 1982) hat ein Enten-Skelett mit dünnen Nylon-Fäden an einem Spielkreuz aufgehängt, wie man es bei Marionetten verwendet. Ein regungsloser Totentanz, der daran erinnert, dass jede Autonomie durch die Endlichkeit des Lebens beschränkt ist.
Bis 5. Mai,
Galeriestraße 4, Di. bis So. 12 bis 18 Uhr.