Überleben ohne Männer

von Redaktion

Dacia Marainis vielschichtiges, augenzwinkerndes Roman-Porträt „Drei Frauen“

VON JOHANNA POPP

Dass Dacia Maraini eine starke Frau in den Mittelpunkt einer Geschichte stellt, kann angesichts ihres feministischen Œuvres nicht überraschen. In ihrem neuen Roman sind es sogar gleich drei: die Gymnasiastin Lori, ihre Mutter Maria und deren Mutter Gesuina. Sie leben gemeinsam in einer Wohnung, die nicht viel Privatsphäre erlaubt.

Und so ist es kaum verwunderlich, dass es zwischen diesen drei Frauen, die nicht nur drei Generationen repräsentieren, sondern auch drei unterschiedliche Arten, Liebe und Begehren auszuleben, einiges an Konfliktpotenzial gibt, das sich in einem großen Knall entlädt. Natürlich gibt es nicht nur Frauen in Marainis Welt – im Gegenteil: Die Männer spielen eine wichtige Rolle. Gedanken und Handlungen der rein weiblichen Kleinfamilie drehen sich zu einem verblüffend großen Anteil um heterosexuelle Liebe, Sex und den männlichen Körper als solchen. Marainis männliche Figuren sind schillernde Gestalten: Da sind der leidenschaftliche, aber impotente Bäcker; der schöngeistige, undurchsichtige Franzose; der unsichere jugendliche Liebhaber mit dem herrlichen Hintern; der eifersüchtige Ehebrecher aus dem Internet. Dennoch bleiben sie doch eindimensional, wie Abziehbilder erotischer Fantasien.

Die Frauen hingegen sind hier auf eine Art vielschichtig, die beinahe schon überladen wirkt. Naiv, verwundbar, fürsorglich und doch von zerstörerischem Egoismus die Jugendliche. Verklemmt, steif und überbordend sinnlich ihre Mutter. Wild, ungezähmt und, dennoch verlässlich verantwortungsbewusst die Matriarchin.

Alle diese Facetten zeichnet Maraini mit einer Hingabe, aus der tiefe Sympathie für die Gefühls- und Lebenswelt ihrer Protagonistinnen spricht – vor allem in der Phase nach dem großen Knall, als die drei völlig auf sich alleingestellt sind, da sich die vorhandenen Männer leider allesamt als unzuverlässig und unfähig erweisen. Es klingt klischeehaft, wenn man zusammenfasst: Den Frauen wird klar, dass sie nichts als einander brauchen, um zu überleben. Aber Maraini gelingt es, diese Wahrheit nicht schulmeisterlich oder platt augenzwinkernd zu vermitteln, sondern mit einer Ehrlichkeit, die auch Raum lässt für Zweifel, für fortdauernde Sinnlichkeit, und die für sich keine Absolutheit in Anspruch nimmt. Eine Frau kann begehren, sie kann lieben und dennoch ihren Prioritäten und sich selbst treu bleiben. Eine große Botschaft, unbeschwert erzählt.

Dacia Maraini:

„Drei Frauen“. Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler. Folio Verlag, Wien.

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