Späte Gerechtigkeit

von Redaktion

Die Ausstellung „Silber für das Reich“ im Bayerischen Nationalmuseum

VON ULRIKE FRICK

Mit der Machtübernahme Hitlers begann im Januar 1933 der Raub des jüdischen Vermögens und Eigentums. Die Fantasie der Nationalsozialisten, an diese Wertgegenstände zu kommen, schien nahezu grenzenlos. So zwang etwa die am 21. Februar 1939 vom damaligen Generalfeldmarschall Hermann Göring erlassene „Dritte Anordnung auf Grund der Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden“ sämtliche Betroffene dazu, ihre Edelmetallgegenstände, Edelsteine und Perlen gegen eine lächerlich geringe Entschädigung bei den kommunalen Leih- und Pfandhäusern abzugeben. Die großen Museen kauften vieles davon.

Auch das Bayerische Nationalmuseum erwarb aus der sogenannten „Leihhausaktion“ 322 Silbergegenstände. 207 davon konnten nach Kriegsende bis 1951 wieder an die ursprünglichen Besitzer oder deren Erben zurückgegeben werden. 112 Objekte, für die bisher keine Ansprüche geltend gemacht wurden, werden bis heute in den Archiven verwahrt. Die Suche nach den rechtmäßigen Eigentümern läuft nach wie vor – bis man die Erben ermitteln kann.

„Es geht darum, den Menschen endlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“, betont Frank Matthias Kammel, der Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums. „Dies ist eine klare Verpflichtung für jedes Haus, auch für unseres.“ Die nach dem Krieg begonnene Restitution der „entzogenen“ Kunst- und Kulturgüter ist nach wie vor ein brisantes Thema. Immer mehr Museen gehen relativ offen mit ihren Ankäufen aus der Zeit des „Dritten Reiches“ um. Sie bemühen sich in intensiver Forschungsarbeit um eine Klärung der zweifelhaften Provenienz ihrer Schätze.

Auch deshalb präsentiert das um Transparenz ringende Bayerische Nationalmuseum den aktuellen Stand der Recherche. Die noch herrenlosen Stücke sind im Rahmen der Studioausstellung „Silber für das Reich“ zu sehen. Man hofft, auf diese Weise Eigentümer ausfindig zu machen. Exemplarisch gibt es aber auch einige Fälle, in denen die Restitution, die Rückerstattung des damals „arisierten“ jüdischen Eigentums, über erstaunlich viele Zufälle erfolgen konnte.

In den Vitrinen werden vorwiegend Alltagsgegenstände aus Silber gezeigt: Vasen, Tiegel, Töpfe mit und ohne Deckel, in den unterschiedlichsten Größen und Formen. Becher, Pokale, Kerzenleuchter, Tabletts und vor allem Löffel in allen erdenklichen Größen und Rundungen. Das wirklich Bemerkenswerte an der kleinen Schau sind aber nicht die Objekte, sondern die intensiven Recherchearbeiten der Experten.

Projektleiter Alfred Grimm bestätigt die mühsame Detektivarbeit, die man in den beigefügten Notizen erkennt: „Das Internet hat zwar vieles ermöglicht, was vorher kaum denkbar war. Doch die Ermittlungen sind schwierig, langwierig und auch sehr kostspielig, da die Erben oft über die ganze Welt verstreut sind.“ Spannender als die zugegeben hübsch ziselierten Suppenlöffel oder Becher sind daher die knappen Angaben neben den Exponaten.

Da kann man in dürren Daten den langen Weg erkennen, den diese oft sehr privaten Gegenstände seit den Dreißiger- und Vierzigerjahren nahmen. Und welcher häufig in einem Konzentrationslager endender Besitzer dahinterstand. Ein in den Ausstellungsräumen zur Verfügung stehender Computer soll zu weiteren Nachforschungen einladen. „Schließlich ist das, was wir hier tun, alles Work in Progress“, sagt Grimm. „Daher hoffen wir auch auf viel Resonanz.“

Informationen:

28. Februar bis 10. November 2019;

Di. bis So. 10 bis 17 Uhr;

Tel. 089/ 211 24 01.

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