Sehr gut möglich, dass Mark Hollis das als seine größte Leistung betrachtete: mit Ansage und vorsätzlich die Karriere einer der vielversprechendsten Bands der Achtzigerjahre an die Wand gefahren zu haben. Mit dem Album „It’s my Life“ und dem weltweiten Hit „Such a Shame“ waren die vier Briten zum Inbegriff des intelligenten New Wave geworden. Das war 1984, und die Welt lag dem Songschreiber und Sänger Mark Hollis zu Füßen.
Damals war Hollis schon 29 und hatte erkennbar keine Lust, für MTV den Popstar zu spielen. Ein, zwei Jahre machte er das mit und beschloss dann, endlich nur noch das zu tun, was ihm gefiel – nämlich gute Musik jenseits des Formatradios. In einer Kirche nahmen er und seine Mitverschwörer über ein Jahr lang elegische, verstörende, himmlische, geniale Lieder auf. Als das Budget weit überschritten war und Hollis etliche Abgabetermine hatte verstreichen lassen, klatschte er 1988 der Plattenfirma „Spirit of Eden“ auf den Tisch, mit der Ankündigung, es werde keine Single geben und auch keine Live-Auftritte.
Man hielt ihn für völlig irre, und nach den Kriterien der Branche konnte man das fraglos so sehen. Das Album wurde von Kennern gefeiert, aber die versponnenen Stücke, allesamt makellose Meisterwerke, waren nicht für den Massengeschmack produziert. Hollis hatte sein Ziel erreicht: Talk Talk war raus aus dem Geschäft – und er mutmaßlich ein glücklicher Mensch. Der schlaksige Junge mit dem Topf-Haarschnitt und den abstehenden Ohren wollte Musik machen und ansonsten seine Ruhe haben.
„Ich habe kein Problem mit Stille“ hat er einmal verlautbart in einem seiner sehr wenigen Interviews. Mark Hollis quatschte nicht gerne über sich oder Musik. Und der immense Erfolg der frühen Alben ermöglichte dem Mann den Luxus, selbst zu entscheiden, was er tat oder nicht. 1991, nach der womöglich noch kryptischeren und erfolglosen LP „Laughing Stock“, war dann endgültig Schluss mit Talk Talk. Hollis verschwand einfach und widmete sich seinem Leben als Familienvater.
1998 legte er sein einziges Solo-Album vor, schlicht mit seinem Namen betitelt. Es war die Essenz seines Schaffens. Ein in sich geschlossener Kosmos der Kreativität, keine Popmusik mehr, eher eine Reise durch alle Stile der Moderne. Minimalistisch, undurchdringlich, hypnotisch. Jetzt verstand man endgültig, was er gemeint hatte, als er einmal sagte: „Spiel keine Note, bevor du einen guten Grund dafür hast.“
Ab und zu tauchte er noch als Gast-Pianist auf Platten befreundeter Musiker auf, ansonsten hörte er auf, der Künstler Mark Hollis zu sein. Mit den Jahren wurde sein Werk von Generationen junger Kollegen immer wieder neu entdeckt, und es ist schon faszinierend, wie zeitlos die Musik immer noch klingt, wenn man sie gelegentlich auflegt. Für Hollis kam es allerdings nicht infrage, deswegen wieder im Musikgeschäft aktiv zu werden. Keine Chance, auch wenn sein Management, das sich um Tantiemen und Verlagsrechte kümmerte, ständig nachfragte. In der britischen Presse hatte Hollis deswegen den Ruf der „Greta Garbo des Pop“ weg und wurde gleichzeitig als geistiger Vater des „Post-Rock“ gefeiert. Das war freilich ein eher hilfloser Versuch, in Worte zu fassen, welch unfassbar kreatives Potenzial Talk Talk auf nur fünf Studio-Alben gepresst hatten. Nun ist Hollis, der so gegensätzliche Genies wie Miles Davis oder Burt Bacharach bewunderte, überraschend gestorben. Niemand weiß, unter welchen Umständen. Er ist ein Enigma geblieben, das uns ratlos mit Zeilen wie „Dead to respect / To respect to be born / Lest we forget who lay“ zurücklässt. Man hätte Mark Hollis gerne gekannt.
Versponnene Stücke jenseits des Massengeschmacks