Mit dem Namen Neue Heimat verbindet man heute, wenn überhaupt, in erster Linie einen riesigen Skandal aus den frühen Achtzigerjahren. Der Zusammenbruch des seit 1950 in dieser Form bestehenden Gewerkschaftsunternehmens war damals ein Schock für die bundesrepublikanische Bevölkerung. Schließlich handelte es sich bei der Neuen Heimat nicht um irgendeine durch Gier und Misswirtschaft ins Kippen geratene Baufirma, sondern um den größten europäischen Wohnungsbaukonzern der Nachkriegszeit, der sogar international tätig war und Bürotürme in Brüssel ebenso baute wie Mietwohnungen in Montreal, Feriendörfer in Frankreich oder Hochhäuser in Brasilien.
In den gut 30 Jahren seines Bestehens hat die Neue Heimat mehr als 400 000 Wohnungen gebaut, dazu jede Menge kommunale Bauten wie Schulen, Kindergärten, Schwimmbäder oder Krankenhäuser. „An ihrer Geschichte lässt sich sehr gut eine bundesdeutsche Sozialgeschichte und Städtebaugeschichte erkennen“, sagt Hilde Strobl, Kuratorin der Ausstellung im Architekturmuseum der Pinakothek der Moderne.
Tatsächlich war die Wohnsituation in der frühen Nachkriegszeit, als die Neue Heimat ihre Tätigkeit aufnahm, desolat. Vieles war noch zerstört, dazu kamen die Kriegsheimkehrer, Flüchtlinge und schließlich die Gastarbeiter. Alle suchten ein Dach über dem Kopf. Und das wollte man ihnen auch gewähren. So vermittelten diese Bauten die in Ziegel und Beton gehauene Hoffnung auf ein Wirtschaftswunder für alle, auf ein besseres Leben für eine breite Bevölkerungsschicht. Die angespannte Wohnungssituation lässt sich durchaus mit heute vergleichen. Der Umgang mit dieser Not und der Zeitgeist jedoch nicht.
In München plante man 1967, ohne mit der Wimper zu zucken, die Hochhäuser in Neuperlach für über 80 000 Menschen. Tatsächlich realisiert wurden nur Unterkünfte für 50 000. Momentan geraten die Bürger schon in Aufruhr, wenn irgendwo 10 000 untergebracht werden sollen. Auch die Parkstadt Bogenhausen oder die größten Häuser im Hasenbergl sind in jener hemmungslos baufreudigen Zeit der Sechzigerjahre entstanden. Ebensolche, oftmals heute ungeliebte Viertel in anderen deutschen Städten wie Nürnberg-Langwasser, Hamburg-Veddel oder -Barmbek, Bremens Neue Vahr mitsamt dem eleganten Wohnturm von Alvar Aalto, der Fasanenhof in Stuttgart oder das Viertel Buntekuh in Lübeck gehören dazu.
Manchmal sprang man auch brutal mit den gewachsenen Strukturen um. In Fürth beispielsweise wurde 1969 für das neu zu errichtende Gänsbergviertel kurzerhand der Altbestand beiseite geräumt. Die Neubauten boten zwar eine deutlich bessere Wohnqualität. Der frühere Charme und das soziale Gefüge waren jedoch zerstört.
Die Neue Heimat hat das Gesicht vieler Städte durch die Ausbildung von gigantischen Großsiedlungen am Rande dieser Orte nachhaltig verändert. Architekt Thomas Sieverts, früher auch für die Neue Heimat tätig, wundert sich in einem der zahlreichen, sehr informativen Interviewfilme der Schau, dass „eine ganze Generation damals so gebaut hat“. Das könne er heute gar nicht mehr nachvollziehen.
Glücklicherweise sehen das nicht alle so, viele Bauten jener Zeit stehen unter Denkmalschutz. Schönheit hin, Funktionalität her: Einen Blick auf das Selbstverständnis des alten Westdeutschland gewähren Gebäude wie das gigantomanische ICC in Berlin oder das wie ein auf dem Acker notgelandetes Alien-Raumschiff anmutende Uniklinikum Aachen auf jeden Fall. Die sorgsam recherchierte und mit Bauwerkzeugen und -material sehr originell dekorierte Ausstellung bietet neben einer Fülle von Plänen, Zeichnungen, Skizzen, Modellen und Fotos eine große Auswahl an Filmmaterial. Das kann man in einer abgeteilten Kammer oder an den einzelnen Stationen auf kleinen Bildschirmen ansehen. Die Ausschnitte aus Interviews mit lohnenden Gesprächspartnern dauern zehn bis 15 Minuten. Etwas Zeit sollte man also mitbringen, um in die Jahre der Neuen Heimat einzutauchen.
Bis 19. Mai,
Di. bis So. 10 bis 18 Uhr, Do. bis 20 Uhr;
Telefon 089/ 23 80 52 84.
Widerspiegelung
der deutschen
Sozialgeschichte