„Ich weiß jetzt, wie stark ich wirklich bin“

von Redaktion

Brie Larson über ihre Rolle als „Captain Marvel“

Nach 20 Filmen spielt erstmals eine Heldin die Hauptrolle im Marvel-Universum. Seit gestern läuft „Captain Marvel“ in den Kinos (wir berichteten). Brie Larson ist darin als Testpilotin Carol Danvers zu sehen, die inmitten des galaktischen Krieges zwischen Kree und Skrull zur Superheldin wird. Zum heutigen Weltfrauentag sprachen wir mit der 29-jährigen US-Amerikanerin, die seit ihrer Kindheit für Kino und TV dreht und 2016 mit dem Oscar als beste Hauptdarstellerin in „Raum“ ausgezeichnet wurde, über weibliche Stärken und Umbrüche seit Beginn der #MeToo-Debatte.

Ist es wahr, dass Sie seit „Captain Marvel“ einen Lkw ziehen können?

(Lacht.) Na ja, ich kann einen Jeep einen Hügel hochschieben.

Nicht schlecht.

Ja, das hat aber auch monatelanges Training gebraucht, das zu schaffen… Leider bin ich nicht eines Morgens aufgewacht und hab’ gedacht: Hey, das kann ich! Neun Monate lang musste ich jeden Tag eineinhalb Stunden hart trainieren.

Hat Sie das auch mental stärker werden lassen?

Ja, total. Ich wollte immer, dass mein Körper für andere kein Thema ist. Ich möchte als Person wahrgenommen werden, mein Äußeres sollte nicht so sehr eine Rolle spielen. Einen weiblichen Körper zu haben, heißt, dass man sich ständig der Diskussion unterwerfen muss, wie eine Frau auszusehen hat, wie dünn man sein muss, damit andere einen annehmen. Das hat sich für mich immer falsch angefühlt. Deshalb habe ich mich bemüht, meinen Körper als etwas zu betrachten, in dem ich mich selbst wohlfühlen muss, mit dem ich klarkommen muss und niemand sonst. Jetzt diese Rolle zu spielen und so intensiv mit meinem Körper zu arbeiten, hat die Art und Weise, wie ich mich in ihm fühle, noch einmal total verändert. Ich stehe anders, ich habe eine andere Haltung. Ich habe verstanden, dass mein Körper ein Werkzeug ist, das ich nutzen kann, um schwere Dinge zu tragen – oder eben, um Autos einen Hügel hochzuschieben.

So haben Sie es zur ersten Superheldin im Marvel-Universum gebracht. Wurde höchste Zeit, oder?

Stimmt. Ich finde, es sollte überall mehr Frauen geben. In jeder Branche. Feminismus bewegt sich ja immer in Wellen – einen Schritt vor, einen Schritt zurück. Dieser Film ist Teil dieses Prozesses, der stückchenweise weitergeht und weitergehen muss.

Verspüren Sie Druck, die erste Superheldin im Marvel-Kosmos zu sein?

Nö, sollte ich? Wenn ja: Nein!

An der Produktion waren viele Frauen beteiligt. Spürt man das beim Dreh?

Ja, in diesem Fall habe ich wirklich Unterschiede erkannt, weil so viele Frauen an der Entwicklung beteiligt waren. Die meisten Geschichten, die uns über Frauen oder aus der Perspektive von Frauen erzählt wurden, sind von Männern geschrieben worden. Es ist wichtig, dass wir das ändern, indem wir den Frauen den Raum geben, ihre Geschichten selbst zu erzählen. Filme sind Fenster für unsere Sicht auf die Welt. Ich habe über andere Länder und Kulturen durch Filme gelernt. Deshalb dürfen dort keine Klischees verbreitet werden. Mir ist es wichtig, so nah an die Realität zu kommen, wie es nur geht. Deshalb müssen die Stimmen von jedem gehört werden. Ob das nun Frauen sind oder Menschen mit dunkler Hautfarbe oder was auch immer.

Es kursiert der Satz „Stark ist das neue Dünn“. Frauen sollten aufhören, sich herunterzuhungern, sondern anfangen zu trainieren und stark zu sein. Gute Idee?

Ich sage immer: Sei der, der du sein möchtest. Verkörpere die Person, die du verkörpern möchtest. Mir persönlich gefällt das Konzept von Stärke. Doch was ist Stärke? Ich weiß nicht, ob Stärke immer brutale Kraft sein muss. Stärke kann auch Verletzlichkeit bedeuten. Vielleicht ist der Mut, Verletzlichkeit zu zeigen, die größte Stärke überhaupt.

Haben Sie das Gefühl, dass sich durch die #MeToo-Debatte wirklich etwas in Hollywood ändert?

Na ja, ich wünschte mir manchmal, die Dinge würden sich schneller verändern. Wir führen viel ernsthaftere Gespräche über Diskriminierung, Sexismus, Macht. Und all das findet sich in den Filmen, die jetzt entstehen, wieder. Der Haken an unserer Branche ist ja, dass es Zeit kostet, Filme zu machen. Das heißt, die Veränderungen werden erst zeitversetzt sichtbar. Aber ich sehe, wie es passiert. Und ich sehe, dass Frauen immer mehr Mut haben, laut zu äußern, was ihnen wichtig ist. Am Set oder gegenüber der Presse. Da ist eine neue Stärke.

Seit Ihrem Oscar-Gewinn bekommen Sie noch mehr Filmangebote. Wie wählen Sie aus?

Sie können ein Projekt nicht nach der Frage auswählen, wie es beim Publikum ankommen wird. Ich könnte Ihnen nicht mal sagen, was ich morgen frühstücken möchte – wie soll ich da erst wissen, was die Zuschauer in zwei Jahren im Kino sehen wollen? Ich lese das Drehbuch, und irgendetwas darin packt mich. Es ist ein bisschen, wie sich zu verlieben. Das trägt mich durch das Jahr, in dem ich den Film mache. Nur danach kann ich gehen.

Was hält Sie am Boden?

Essen und Kunst! Wenn ich einfach einen Cheeseburger und ein paar Stunden im Kunstmuseum haben kann, bin ich happy. (Lacht.)

Das Gespräch führte Katja Kraft.

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