Von einem Trauma scheint er in diesem Moment unendlich weit entfernt: Mike Shinoda lächelt. Er sitzt am Keyboard, und aus mehreren tausend Kehlen erklingt der Refrain von Linkin Parks „In the End“. Er rappt. Den Part, den einst sein Freund Chester Bennington sang, singen die Fans. Dass die Leute an diesem Abend lächeln, wenn er von Chester spricht, das freue ihn, sagt er, ehrlich ergriffen.
Dabei hätte der 42-Jährige durchaus Grund, mit dem Schicksal zu hadern. Linkin Park war eine der erfolgreichsten Gruppen des beginnenden 21. Jahrhunderts, 55 Millionen verkaufte Alben, ausverkaufte Stadien. Heute ist ungewiss, ob die Jungs aus Kalifornien jemals wieder als Band auftreten. Bennington nahm sich 2017 das Leben. Shinoda vertonte seine Trauerarbeit zum nachdenklichen Album „Post Traumatic“, einer Mischung aus Pop und Hip-Hop.
Chester hat seinen Platz auf der Bühne, die an diesem Abend im Münchner Zenith ja eigentlich Shinoda gehört. Mit Songs wie „Heavy“, „Papercut“ oder „Castle of Glass“. Die Setlist, die der Rapper, Gitarrist und Keyboarder für jedes Konzert der „Post Traumatic Tour“ zum Teil spontan ändert, soll eine Würdigung sein. Er mischt seine neuen Songs mit Hits und Mash-ups von Linkin Park und seinem Hip-Hop-Projekt Fort Minor.
Man täte Mike Shinoda jedoch Unrecht, würde man seinen Auftritt als reine Reminiszenz an die Vergangenheit sehen oder auf die Musik reduzieren, die er mit der Band geschaffen hat. Er tritt herrlich positiv und zukunftsgewandt auf – und wie der Mann, der bei Linkin Park eher im Hintergrund agierte, jetzt die Bühne ausfüllt, das macht Freude.
Viele sind an diesem Abend in Linkin-Park-Shirts gekommen. Sie singen auch die Solo-Songs lautstark und textsicher mit. Mike Shinoda hatte in einem Interview gesagt, dass seine Tour den Fans mit der Trauer um Chester helfen soll. Wenn das das erklärte Ziel war, hat Mike Shinoda in München großartige Trauerarbeit geleistet.