Die ersten Jahre nach der viel genannten Stunde null waren eine wirre, wilde Zeit in Deutschland – eine „Wolfszeit“, so der Titel des Buches von Harald Jähner über „Deutschland und die Deutschen 1945–1955“. Er beschreibt die Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg faktenreich, aber nicht als Historiker, sondern feuilletonistisch; auch das macht das Buch überaus spannend. „Wie sich dieses Gemenge von Versprengten, Verschleppten, Entkommenen und Übriggebliebenen entflocht und neu zusammenfand und wie aus Volksgenossen allmählich wieder Bürger wurden, davon handelt dieses Buch“, schreibt er im Vorwort. Anschaulich an vielen Einzelschicksalen festgemacht schildert er die Nöte der Davongekommenen.
Viele Bayern taten sich schwer mit den Flüchtlingen, die in dem katholisch geprägten Agrarland untergebracht werden mussten. Es sei „Blutschande“, wenn ein bayerischer Bauernsohn eine norddeutsche Blondine heirate, sagte Jakob Fischbacher, damals Kreisdirektor des Bauernverbandes – ganz die rassistische Sprache der Nazizeit. Vertriebene aus dem Sudetenland und den deutschen Ostgebieten mussten die Alliierten zuweilen unter Androhung von Waffengewalt bei der Landbevölkerung einquartieren. Auch den wenigen Juden, die noch am Leben waren, schlug Ablehnung entgegen. Statt sich ihre Schuld am Völkermord einzugestehen, bejammerten die Deutschen das eigene Schicksal und klagten über die Bevorzugung der überlebenden Holocaustopfer durch die Alliierten. „Die kollektive Übereinkunft der meisten Deutschen, sich zu Hitlers Opfern zu zählen, stellt gegenüber den millionenfach Ermordeten eine schwer erträgliche Anmaßung dar“, beurteilt der Autor dieses Verhalten. Die Hauptlast der Essensbeschaffung und Erziehung trugen die Frauen, denn die Männer waren großteils weg: gefallen oder in Kriegsgefangenschaft. Und wenn sie nach Jahren – oft ausgemergelt und seelisch gebrochen – heimkehrten, gab es Konflikte. Das alte Rollenbild, Mann = Krieger/Held und Frau = Heimchen am Herd, stimmte schon lange nicht mehr (wenn es überhaupt jemals gestimmt hat). Auch der Nachwuchs wollte sich dem autoritären Vater ohne Autorität nicht mehr unterordnen. Hildegard Knef sagte damals: „Die deutschen Männer haben den Krieg verloren, jetzt wollen sie ihn im Schlafzimmer wieder gewinnen.“
Harald Jähner schlägt immer wieder einen Bogen zur Gegenwart. So könne das größere Misstrauen gegenüber Fremden in Ostdeutschland eine Ursache in der Massenvergewaltigung von Frauen bei Kriegsende haben. Insgesamt aber sei die deutsche Entwicklung eine Erfolgsgeschichte: „Dass sich trotz der verbreiteten Weigerung, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, und trotz der massiven Rückkehr der NS-Eliten auf ihre alten Positionen in beiden deutschen Staaten vom Nationalsozialismus geläuterte Gesellschaften durchsetzten, ist ein viel größeres Wunder als das sogenannte Wirtschaftswunder.“
Harald Jähner:
„Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 bis 1955“. Rowohlt Verlag, Berlin, 480 Seiten; 26 Euro.