So geht es nicht weiter

von Redaktion

Stefan Pucher inszeniert an den Kammerspielen „Das Leben des Vernon Subutex“

Es klingt fast wie im Märchen: Eine ehemalige Prostituierte wird zur preisgekrönten Schriftstellerin. So erging es der Französin Valerie Despentes (Jahrgang 1969) tatsächlich. An den Münchner Kammerspielen, wo er schon oft inszeniert hat, bringt Stefan Pucher jetzt Despentes’ Roman-Trilogie „Das Leben des Vernon Subutex“ auf die Bühne. Premiere ist heute Abend, 19 Uhr.

Was hat Sie an diesem Text gereizt?

Der Roman ist eines der spannendsten neuen Bücher der vergangenen Jahre. Obwohl es die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich noch gar nicht gab, als er erschien, nimmt er als großer Gesellschafts-Bilderbogen alles vorweg, was diese Bewegung motiviert hat und ausmacht: die ganze Unzufriedenheit und Wut der Menschen, die ihre Ursache letztlich genau in den sozialen Verhältnissen hat, die in dem Buch beschrieben werden.

Gilt das auch für Deutschland oder nur für Frankreich?

In Deutschland sind die Menschen zurückhaltender mit Protesten, weil bei uns alle Angst vor großen Veränderungen haben, aber die Stimmung ist ganz ähnlich der in Frankreich: Alle ahnen, dass es nicht so weitergeht, dass die Gesellschaft auf einen Abgrund zurast.

Woran machen Sie das fest?

Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Dass Menschen arbeiten, aber trotzdem davon nicht leben können, ist ein irrsinniger Zustand. Die öffentliche Infrastruktur zerfällt, Schwimmbäder verrotten – alles bedingt durch den Rückzug des Staates und die Ausweitung des Marktes auf sämtliche Bereiche. Alles wird privatisiert, angefangen bei der Post, und bald werden sie uns noch das Trinkwasser wegprivatisieren. Das Sozialsystem wurde runtergefahren, junge Leute, die vor 30 Jahren noch gute Aufstiegsmöglichkeiten gehabt hätten, fallen heute durchs Sieb. Das hat katastrophale Folgen.

An welche Folgen denken Sie da?

Der Kapitalismus schafft es im Moment, so von sich abzulenken, dass er, der unsere Gesellschaft gefährdet, völlig unangetastet bleibt. Das beste Bild dafür sind die verspiegelten Fassaden der Bankpaläste: Du richtest einen Scheinwerfer drauf, und sie reflektieren das Licht woanders hin, und da, an der falschen Stelle, wird zugeschlagen von den Abgehängten. Die Opfer des Systems suchen die Schuldigen dort, wo sie nicht sind, zum Beispiel bei den Ausländern oder Asylbewerbern.

Wie sehen Sie die Titelfigur Vernon Subutex?

Eigentlich ist das ja eine klassische Abstiegsgeschichte: Mit dem Aufkommen der CD verliert Subutex seinen einst gut gehenden Plattenladen. Aber er sieht quasi seiner eigenen Verelendung zu und tut nichts. Er wehrt sich nicht, gerade das macht ihn zu einer Art Jesus-Figur, zu der er wider Willen wird. Man kann fast sagen, das Buch schildert eine Art von „biblischer Reise“. Auf einmal scharen sich diese anderen Einsamen um Vernon Subutex: die Schwachen, Leute, die durchs Netz gefallen sind, die seelische Verletzungen haben. Daraus ergibt sich fast so was wie eine religiöse Gemeinschaft. „Religiös“ würde ich hier umschreiben als das Bedürfnis, einer Gruppe anzugehören, in der nicht die Konkurrenz regiert, einer Gruppe, in der das Reden nicht konfrontativ ist, in der es nicht wie bei Anne Will darum geht, wer recht hat und den anderen unterbuttert.

Gibt es in Ihrer Inszenierung feste Rollen, oder sind die in einen großen Textfluss aufgelöst?

Darüber haben wir in der Vorbereitung lange geredet, und schließlich ist quasi ein Bastard rausgekommen. Es gibt schon Figuren, die auch einen Fußabdruck hinterlassen, also erkennbar konturiert sind, aber insgesamt wird es doch ein großer Diskurs, der über die Figuren hinausgeht. Auch, weil im Roman viel zu viele Figuren vorkommen, um sie alle auf die Bühne zu bringen. Das ist das Gute und Schlechte am Theater, dass man eine Essenz herausziehen muss.

Spielt Musik in der Inszenierung auch eine so wichtige Rolle wie im Buch?

Zumindest steht mitten auf der Bühne ein Plattenspieler.

Das Gespräch führte Alexander Altmann.

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