Sonnenschein durchflutet den Raum der Mohr-Villa in München-Freimann. An großen Tischen arbeiten sechs Frauen an ihren Kunstwerken, und ihre Kreativität ist inmitten der Leinwände, Farbtuben, Pinsel, Holzrahmen, der fertigen und unfertigen Werke geradezu spürbar. Die Ruhe ist angenehm. Keine bedrückende Stille, sondern eine warme, offene Atmosphäre. Während eine Künstlerin in kleinerem Format eher pastellig malt, schwenkt eine andere eine große Leinwand waagerecht hin und her und lässt so knallige Farben ineinanderlaufen.
Dazwischen bewegt sich Katja Bonnländer, Kunsttherapeutin, und steht für Fragen, Tipps und Gespräche zur Verfügung. Das Besondere: Bei allen Künstlern und Künstlerinnen, die an diesem „offenen Atelier“ teilnehmen, handelt es sich entweder um Krebspatienten oder ihre Angehörigen. Ermöglicht wird das durch den Verein „Lebensmut“, die Bayerische Krebsgesellschaft und das Interdisziplinäre Zentrum für Psycho-Onkologie IZPO im Klinikum Großhadern.
Kunst als Unterstützung bei Krankheiten hat sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts als therapeutische Maßnahme etabliert. Nicht ohne Grund: „Von Geburt an nehmen wir das Leben in Bildern wahr und interagieren mit unseren Sinnen mit der Welt; Sprache kommt erst später dazu“, erklärt Bonnländer den Kern dieser Therapieform. „Durch die Sinnlichkeit der Kunst sprechen wir das Unterbewusste viel direkter an. Anders als in der klassischen Psychotherapie geht es bei uns um mehr als Verständnis auf der Basis von Sprache, die immer nur eine Form der Übersetzung ist, wenn sie versucht, unser Innenleben wiederzugeben.“
Traumata, Ängste, psychische Erkrankungen und schwierige Erfahrungen lassen sich über die Kunst in Bilder umsetzen, sie werden „rausgelassen“, der Patient kann sich von ihnen trennen. Das hilft bei der Verarbeitung. „Oft sind auch Perspektivwechsel möglich“, fügt die Kunsttherapeutin hinzu. „Manchmal wirken Bilder, die sich innerlich schlimm angefühlt haben, auf der Leinwand ganz anders, vital zum Beispiel oder kraftvoll. Das hilft, neue Perspektiven zu finden, andere Seiten an sich zu entdecken.“ Plötzlich ist der Künstler nicht mehr nur der Betroffene, mit dem Ärzte und Therapeuten etwas tun, sondern selbst der Aktive, der Kreative. „Das gibt ihm ganz neue Kraft.“ Genauso wichtig sei aber auch, dass die Zeit im offenen Atelier „Freude am zweckfreien Tun“ ermögliche – ein Luxus, der einem im Alltag, egal ob gesund oder krank, kaum gegeben ist. „Anders als bei professionellen Künstlern geht es hier nicht um Erfolg, politische Aussagen oder gesellschaftliche Anerkennung“, erläutert Bonnländer, „sondern einzig um den Menschen selbst.“ Komplett ohne Leistungsdruck darf er sich freischwimmen von der Krankheit und ihren Konsequenzen und hat, weit weg von Arztterminen und Klinikstress, einfach mal Zeit, sich nur auf sich selbst zu konzentrieren. Formen und Farben auszuprobieren und seiner Kreativität freien Lauf zu lassen.
„Es gibt auch Ansätze in der Kunsttherapie, die den Schwerpunkt statt auf dieser Offenheit eher auf die Psychoanalyse oder aber auf die Anthroposophie legen“, ist Katja Bonnländer wichtig zu betonen. „Gemeinsam ist ihnen aber allen, dass die persönliche Bildsprache eine Möglichkeit bietet, ein tieferes Verständnis des eigenen Seelenlebens zu erlangen.“
Das hilft ganz offensichtlich, mit schweren Schicksalen wie einer Krebserkrankung positiver umzugehen. Die Stimmung, die zwischen den sechs Frauen in der Mohr-Villa herrscht, ist jedenfalls beeindruckend: Das Motto „Lebensmut“ wird hier in buntesten Farben aktiv umgesetzt.
Weitere Informationen
online unter www.lebensmut.org sowie unter www.bayerische-krebsgesellschaft.de jeweils unter dem Stichwort „offenes Atelier“.
Wenn Sie die Arbeit des Vereins „Lebensmut“ unterstützen möchten, können Sie das mit einer Spende an:
Lebensmut e.V. Stadtsparkasse München IBAN: DE70 7015 0000 0000 5779 99.