Fieser Löwenzahn

von Redaktion

Wunderbarer „Letzter Dreck“ im TamS

Hui! Zirkus im Münchner TamS. Claudia Karpfingers Bühne ist mit Mulch ausgelegt und durch Rundumvorhang aus lila-metallischen Fäden in eine Arena verwandelt. Ein spilleriger Clown mit Königskrone müht sich stemmend und purzelnd, aus abgeschlafenen Matratzen einen Thron aufzutürmen. Es tritt auf Frau Marienkäfer – heftig begehrt von König Summserum, ihrerseits jedoch entflammt für den Hallodri Löwenzahn. Ein vegano-tierisches Herzschmerz-Märchen? Nie nicht bei Beate Fassnacht, seit 2009 TamS-Hausautorin. Ihr von Lorenz Seib uraufgeführtes Königsdrama „Der letzte Dreck“ ist eine Fabel – ein La Fontaine sozusagen in knallhart postmoderner Manier.

Hier ist der verlotterte Anteil der Gesellschaft anno 2019 versammelt. Löwenzahn Axel Röhrle, ein angetrunkener Übermacho, lässt die Marienkäfer-Frau Irene Rovan brutal verschmachten. Torkelnd hebt er Fassnachts vierhebigen Jambus auf Rapper-Rhythmus, spickt ihn mit dem „f“-Verb und Körperausscheidungs-Vokabular. Marion Niederländers „schleimende“ Agatha Schneck gibt eine dennoch sarkastisch verurteilende Beobachterin der Krisensituation. Gabi Geists Gänseblümchen versucht, sachlich zu vermitteln. Und in der Abwehr von Fremden hält Arno Friedrichs Penner-König Summserum seine Untertanen doch zusammen. Blöd-blinde Gefühle, Versacken in Alkoholbetäubung, sprachliche Verrohung, Integrationsangst – Fassnacht reißt wichtige menschlich-gesellschaftliche Themen an. Und die von Seib exzellent geführte Crew in Katharina Schmidts hinreißend rollengerecht entworfenen Kostümen entfaltet ein Typen-Arsenal, das zu fürchten und trotzdem – die Kunst des TamS! – nicht ganz unsympathisch ist. Beispielhaft Helmut Dauner. Als stumm umherwandelnder Regenwurm ist er auch nicht unschuldig – aber eben theater-zauberhaft. MALVE GRADINGER

Nächste Vorstellungen

von 10. bis 13. April;

Telefon 089/ 34 58 90.

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