„Ich kann nichts außer malen“, hat Vincent van Gogh einmal über sich gesagt. Auf den Tausendsassa Julian Schnabel, der nicht nur dies kann, sondern dazu mittlerweile noch ein unfassbar guter Spielfilmregisseur und Dokumentarfilmer ist, trifft das nicht zu. Der wagte und konnte schon immer alles, weil er sich einfach alles zutraute, von seinen Grafiken bis hin zu den legendären „Plate-Paintings“ (Teller-Bildern). Und seit seinem fulminanten Biopic über den New Yorker Kollegen Jean-Michel Basquiat, der im Alter von nur 27 Jahren an einer Überdosis starb, eben auch noch das Filmemachen. Trotzdem hat Schnabel, wie er in der im renovierten Münchner Arri-Kino beheimateten Astor-Lounge im Rahmen der Deutschland-Premiere seines Spielfilms „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ bekennt, eine große Nähe zu dem Mann aus den Niederlanden entdecken können. Und das nicht nur, weil Schnabels erstes Bild von 1978 „Die Patienten und die Doktoren“ hieß, was ja zur letzten Lebensphase van Goghs ebenfalls sehr gut passen würde.
Es ist eine hohe Sensibilität und Empathie, die den realen Schnabel ebenso auszeichnet wie seine Filme. Man denke neben „Basquiat“ nur an „Before Night falls“, sein intimes Porträt des schwulen kubanischen Schriftstellers Reinaldo Arenas. Oder „Schmetterling und Taucherglocke“ über das Schicksal von Jean-Dominique Bauby, eines Modezeitschriften-Chefredakteurs, der mit 43 Jahren durch einen Schlaganfall ins Wachkoma fällt. Alles behutsam arrangierte und argumentierende Arbeiten, die in einem krassen Gegensatz zu seinen Gemälden stehen. Die lassen eher einen machohaften Berserker erwarten.
In der Astor-Lounge tritt der zweifellos zu den bedeutendsten lebenden Kunstgrößen zählende Mann jedoch ganz unprätentiös und bescheiden auf. Vor Filmbeginn sorgt er noch dafür, dass auch wirklich alle einen Sitzplatz haben. Nach der Vorführung ist er deutlich mehr an den Fragen der Zuschauer, darunter Dirk Ippen, Verleger unserer Zeitung, mit Frau sowie das Ehepaar Hubert Burda, interessiert als an den vorgestanzten Interview-Hülsen der Gesprächspartner neben ihm auf der Bühne.
Der weltweit einzige Künstler, der es bisher vom Malerstar zum von Publikum wie Kritikern gefeierten Filmregisseur geschafft hat, plaudert mit großer Freude aus dem Nähkästchen. Seine Motivation für den Film war nicht, eine umfassende Biografie des Malers zu erzählen. „Davon gab es genügend. Und heutzutage glaubt ohnehin jeder, schon alles über ihn zu wissen.“ Der Ansatz sollte ein anderer sein, vergleichbar mit einem Ausstellungsbesuch: „Sieht man sich in einer Schau vielleicht 15 Werke eines Künstlers an, hat man anschließend ein gewisses Gefühl für den Künstler entwickeln können und für seine Art, die Welt zu sehen. Genau so wollten wir unseren Film über Van Gogh gestalten. Nicht nur die weltberühmten Exponate zeigen, sondern vermitteln, was für ein Mensch er war, welche Musik ihm im Kopf dröhnte und welche Dinge in seiner Umgebung passierten und ihn womöglich beeinflussten, zum Nachdenken anregten oder unterhalten haben.“
So zeigt sich Schnabels van Gogh, von dem man wusste, dass er englische, deutsche und französische Schriftsteller las, etwa stark beeindruckt von Shakespeares „Richard III.“. Als Pastorensohn war van Gogh ein profunder Kenner der Bibel. „Er wusste, dass Christus erst 30 oder 40 Jahre nach seinem Tod zu einer bedeutenden Gestalt wurde. Warum also sollte er nicht Schlüsse daraus ziehen, auch bezogen auf sein eigenes Leben als Künstler?“
„Wir haben uns die Biografie nicht als starre Chronologie angesehen, sondern als eine Gelegenheit, die Zeit lebendig nachzuerzählen“, fasst Schnabel seinen Ansatz zusammen. Dazu gehörte auch, die Werke im Entstehungsprozess zu zeigen. In einer Szene malt van Gogh seine Schuhe. „Die Kamera sieht dabei zu, wie Hauptdarsteller Willem Dafoe das Weiß zwischen die anderen Farben auf die Leinwand setzt. Es war mir sehr wichtig, dass es immer glaubhaft aussieht, wenn er den Pinsel führt“, erklärt Schnabel. In dieser kurzen Szene erledigte Dafoe dies noch zu Schnabels Zufriedenheit. Komplizierter wurde es allerdings, als es um Vincent van Goghs Landschaftsbilder ging. „Was Willem da machte, war wirklich schrecklich, also musste ich einige Van Goghs anfertigen, und es ist wirklich sehr seltsam, das zu machen“, bekennt er. „Aber es war auch eine gute Hilfe, noch mehr über seinen Stil und seine Person zu lernen.“