Mitten ins Herz

von Redaktion

PREMIERENKRITIK „Rain Main“ an Münchens Komödie im Bayerischen Hof

VON KATRIN BASARAN

1988 war „Rain Man“ der erfolgreichste Film des Jahres. Vier Oscars waren der Lohn. Einen davon erhielt Dustin Hoffman in der Rolle des Autisten Raymond. Auch Tom Cruise als dessen „normaler“ Bruder Charlie Babbitt wurde von der Kritik gelobt. Wahrlich ein Wagnis, so einen hochdekorierten Kultstreifen auf die Bühne zu bringen. Regisseur Christian Nickel hat sich getraut. Seine Bühnenfassung für die Kammerspiele Karlsruhe feierte am Mittwoch in der Komödie im Bayerischen Hof Premiere – mit Richy Müller in den Fußstapfen Hoffmans. Gelingt ihm das? Oh ja. Und wie!

Im Mittelpunkt von „Rain Man“ steht ein ungleiches Brüderpaar. Charlie ist ein selbstverliebter Autohändler mit ständigen Geldnöten. Der andere ist ein Savant, ein Autist mit Inselbegabung – Raymond. Ein Roadtrip, auf den Charlie seinen ihm bislang unbekannten Bruder entführt, entwickelt sich für den Autohändler zu einer Reise zu sich selbst. Es geht um geschwisterliche Zuneigung, um Demut und das Lernen von Rücksichtnahme.

Viel Stoff also, der auf die kleine Bühne der Komödie gebracht werden muss. Martin Kinzlmaier baute hierzu ein drehbares Häuschen – zu einer Seite hin offen. Es ist wahlweise Büro, Wohnhaus, Klinik oder Hotel und gewährt Einblicke, etwa in Raymonds infantiles Zimmer im Heim oder in ein schmuckloses Motel: unprätentiös, aber effektvoll. Der alte Buick des Vaters, mit dem die Brüder reisen, wird schlicht durch Stühle dargestellt. In etwa so, wie Kinder eine Autofahrt spielen. Da wäre ein Quäntchen mehr Ausstattung wünschenswert, schließlich hat dieses Auto für die Geschichte der Protagonisten eine Bedeutung. Ergänzt wird das Bühnenbild mal durch ein Extrabett oder einen Tisch und ein paar Stühle, auf denen Raymond gern seinen Rucksack penibel arrangiert oder deren Sitzfläche ausführlich inspiziert wird, bevor er sich setzt.

Richy Müller muss hier als überragender Darsteller hervorgehoben werden. Dass man ihn aus dem Fernsehen auch als miesepetrigen Stuttgarter „Tatort“-Kommissar kennt, hat man spätestens nach einer Minute vergessen und sieht nur noch diesen kleinen, unbeholfenen und schlecht angezogenen Mann mit speziellen Bedürfnissen: der etwa auf seinen Boxershorts besteht und keine Slips von Calvin Klein tragen will. Der nicht fliegen will („zu gefährlich“), weil er sämtliche Abstürze aller Fluglinien im Kopf hat, der Sendezeiten von „Jeopardy“ auswendig kann, auf acht Fischstäbchen und Wackelpudding pocht oder darauf, dass der Ahornsirup vor den Pancakes auf den Tisch kommt. Mimik, Gestik, Sprachmelodie – ein seltsamer Singsang – das passt, das sitzt, das berührt. Nie fällt Müller aus der Rolle – er ist einfach Raymond, der sich mit bisweilen unfreiwilliger Komik in die Herzen der Zuschauer schmeichelt.

Den Part des Charlie übernimmt Markus Frank. Keine leichte Aufgabe, neben Müller zu bestehen. Keine Frage, er ist äußerlich smart wie Tom Cruise. Vielleicht liegt es an der intimen Atmosphäre der Komödie, dass sein Frank bisweilen zu laut, zu wütend, zu zynisch erscheint. Zu oft fallen Worte wie „Scheiße“ oder „Fuck“. All das übertüncht die Gestaltung der Figur, deren verletzte Persönlichkeit und deren wichtige emotionale Wandlung vom Egomanen zu einem Mann, der seine Bedürfnisse hinter die des beeinträchtigten Bruders stellt. Da ist noch Luft nach oben. Eine schöne Wärme, das sei noch erwähnt, strahlt dagegen Maria Weidner als Charlies Freundin Susan aus. Sie ist sein Korrektiv, mal sanft, mal bestimmt und mit feinen Antennen für Raymond. Am Ende gab es Standing Ovations. Zu Recht.

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bis 28. April; Telefon 089/ 29 16 16 33.

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