Ohne Druckverband

von Redaktion

Gergiev und seine Philharmoniker mit Bruckners Fünfter

VON MARKUS THIEL

Reden wir also nicht über den Weihrauch, von dem Bruckners Symphonien angeblich befreit werden müssen, weil solche Durchlüftungen gerade furchtbar modern sind. Sondern von den Überwältigungsaktionen, mit denen Dirigenten und Orchester den wohlig erschauernden Hörer so gern in den Sitz drücken. Doch auch das scheint Valery Gergiev, der gerade mit den Münchner Philharmonikern einen Bruckner-Zyklus erarbeitet, nicht zu interessieren. Immerhin: Es interessiert ihn etwas an dieser fünften Symphonie, wie gerade im Gasteig zu erleben war. Wohl und Wehe liegen ja bei diesem Pultmann dicht beieinander. Das reicht im Falle Bruckner von einer respektablen Neunten vor längerer Zeit bis zum Scheitern an der Achten, während der sogar das Ensemble auseinanderdriftete.

Nichts davon in der Fünften, der spitzfindigsten, kontrapunktisch kniffligsten des Meisters. Gergiev bleibt zwar jemand, der dem Orchester kaum ein rhythmisches Gerüst vermitteln kann. Und manche Momente, die Scharnierstellen zu neuen Abschnitten oder Pizzikato-Passagen, wirken immer wie kurz vor der Gefährdung. Viel Eigeninitiative der Musiker, man sehe dazu nur den heftig arbeitenden Konzertmeister, ist da erforderlich.

Doch deutlich wird auch, wie Gergiev seinen Bruckner versteht: weich, kantabel, ohne übertriebenen Druck, im Leisen überraschend filigran und analytisch. Im Finale mit seinem doppelten Fugen-Turm ist Gergiev sehr auf Strukturierung bedacht. Zugute kommt ihm dreierlei. Die immense Erfahrung der Philharmoniker mit diesem Stück, das bestechende Klangbewusstsein bis hin zu Zauber-Soli und eine Orchesteraufstellung mit Extra-Podien, die vor allem Mittelstimmen hervorhebt.

Die Bemühung um Kultur und Balance ehrt diese Aufführung, aber sie hat eine Kehrseite: Da wo Bruckner Partiturspalten aufreißt, wo sich die Musik erhebt zum erschütternden, verzweiflungsvollen Kampf, streift der Abend die Verharmlosung. Noblesse bedeutet hier auch Abmilderung, im oft buchstabiert tönenden Kopfsatz Episodenbildung. Die meiste Kraft hebt sich Gergiev für den Choral-Durchbruch im Finale auf: Das Orchester spielt, als würde es endlich von der Leine gelassen. Eine triumphale Wirkung.

Vor der Pause setzte Anja Harteros ihre Reihe mit Orchesterliedern bei den Münchner Philharmonikern fort. Mahlers Rückert-Lieder sind hier, gerade weil Gergiev das Orchester extrem herunterdimmt, kleine Wunder an Detailreichtum, an erlesenen Klangperlen. Als ob sie monatelang pausiert hat, so frisch, unangestrengt und unverspannt erhebt sich darüber der Sopran der Harteros. Von der Todesnähe der Mini-Dramen ist dabei wenig zu hören. Gergiev und Harteros servieren die fünf Nummern wie Artikel einer Schmuck-Auslage – was ja auch seinen Reiz hat.

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