Alles hätten sie sich ersparen können und ein Stück weit auch uns. Klar, der Song ist neu, ungewöhnlich, eine Kampfansage ans verknöcherte Regelwesen. Doch so, wie hier Stolzings erstes Bewerbungslied erklingt, wie sich im Orchester Schwärmerisches mischt mit Augenzwinkern, wie bei aller Hingabe und Identifikation immer Distanz und Als-ob zu hören ist und vor allem, wie Christian Thielemann mit der Dresdner Staatskapelle Klaus Florian Vogt durch die fünf Wunderminuten segeln lässt, stellen sich zwei Fragen: Warum den Kandidaten nicht sofort in die Meisterzunft aufnehmen? Und was soll da noch kommen? Es sind gute vier Stunden, und die machen’s selbst Wagnerianern schwer.
Es bleibt ein Naturgesetz. Regie-Avantgarde und Salzburger Osterfestspiele, wo man für bis zu 490 Euro pro Karte gefälligst nicht belästigt werden will, das schließt sich aus. Daher ist der Inszenierungsansatz von Jens-Daniel Herzog bei den „Meistersingern von Nürnberg“ nicht ohne Hintersinn. Wenn der Vorhang zur Seite rauscht, sieht man Nürnbergs Lorenzkirche als spitzsäuligen Gotik-Traum, wie es orthodoxe Richard-Jünger lieben. Doch es gibt auch das Proszenium der Semperoper (die Produktion wandert nächste Saison dorthin), Stuhlreihen, wuselndes Technikpersonal in Schwarz und einen Regisseur. Theater auf dem Theater, mehr noch: Herzog will ein Ineinandergreifen, ein Überblenden von Opernhandlung und Bühnenbetrieb.
Als „NSDS“ beginnt das, als „Nürnberg sucht den Superstar“, wo Männer in Businessgrau (Besetzungsbüro? Ensemble?) Neues verhindern, backstage einen saufen und wo der regieführende Intendant ständig schlichten muss, obgleich er doch selbst die Säfte in sich steigen spürt. Pikanterweise steht eine Besetzungscouch im Büro. Die wird beherzt von der Sopranistin genutzt, sie macht sich – folgenlos – an den Chef heran. Irgendwann findet sich der Intendant in der theatereigenen Schuhmacherei wieder und der Zuschauer spätestens jetzt im Irrgarten von Herzogs Bilderwelten. Die sind ein hübsches, versiert bespieltes Setting, das vielsagend raunt, Möglichkeiten eröffnet, aber kaum ein Versprechen einlöst.
Möglich, dass die knappe Probenzeit manches behinderte. Herzog hat viel gearbeitet, mit der Statisterie, mit dem Semperopern-Chor und dem Salzburger Bach-Chor. Doch als die Stars dazukamen, blieb wohl nur der Rückgriff auf zigfach Erprobtes. Wer sich Herzogs Theaterchiffren wegdenkt, findet sich bei August Everding wieder. Und vorstellbar auch, dass Dominator Thielemann „Kommando zurück!“ forderte. Hektik in den Ensembleszenen gibt’s nicht, alle Blicke auf ihn, musikalische Präzision siegt übers Szenische. Gerade die Festwiese, Prüfstein jeder „Meistersinger“, verpufft. Keine fertige Uralt-Inszenierung wird da vorgeführt, woran die ersten Minuten der Aufführung denken lassen. Die Semperoper-Wände rücken zur Seite, die Belegschaft verlegt sich ins Freie und absolviert das Finale als bewegtes Oratorium.
Eine Enttäuschung also? Dafür gab’s eine verschwenderisch gute Besetzung. Georg Zeppenfeld wagt seinen ersten Sachs und setzt sich an die Pole Position aller derzeitigen Rollenvertreter. Die Tonkontrolle auch in Extremlagen, die uneitle Hinterfragung von Text, das Verbinden von vokaldarstellerischer Intelligenz und Klangschönheit, all das reiht Zeppenfeld ein in die ganz Großen dieses Fachs. Die Auseinandersetzung zwischen Sachs und Beckmesser im dritten Akt wird zum Höhepunkt. Ein Schlagabtausch zweier immens kluger Sänger ist zu bestaunen – auch Adrian Eröd findet für seine Figur ja viel mehr Zwischentöne als andere. Kein bloßes Deklamieren, kein Chargieren, Eröd singt den Beckmesser tatsächlich und lässt sich doch jede Silbe auf der Zunge zergehen.
Klaus Florian Vogt (Stolzing) klingt so frisch und frei, als habe er einen mehrwöchigen Urlaub hinter sich. Vitalij Kowalj deutet Pogner als tragische Figur an und gestaltet im Belcanto-Modus, Jacquelyn Wagner wirkt als Eva anfangs unterbelichtet, steigert sich aber. Sebastian Kohlhepps David ist mit gepflegter Lyrik so etwas wie Stolzings jüngerer Bruder. Levente Páll, vom Münchner Gärtnerplatz ausgeliehen, empfiehlt sich als Kothner für Größeres. Und unten führt Christian Thielemann mit der Staatskapelle vor, dass er das Stück im kleinen Finger hat. Karajaneske Entladungen stehen neben sängerfreundlichem Filigranwerk. Die Detailwut, das Auskosten und Verbremsen, das ständige Vorzeigen wundersamer Miniaturen, das Sich-Laben an Wagner, dieses „Uns kann keener“, all das könnte man auch geschmäcklerisch nennen. Doch andererseits: Wer sonst ist so tief eingetaucht in die Partitur? Am Ende wird Thielemann als Triumphator gefeiert – so lange es noch geht (siehe unten).
Weitere Aufführung
am 22. April; Tel.: 0043/ 662/ 8045 361.