Heuer feiert das jüngste Münchner Kunsthaus seinen zehnten Geburtstag. Am 24. Mai eröffnet im Museum Brandhorst die Jubiläumsausstellung „Forever Young“ mit 250 Werken von 46 Künstlern – alle aus eigenem Bestand. Mit dem will man so richtig angeben, schließlich ist die Sammlung in einem Jahrzehnt von 700 auf 1200 Arbeiten angewachsen. Diese neue Schau wird ein Jahr lang zu sehen sein. Opulent gefeiert wird bei freiem Eintritt am 25./26. Mai mit einem vielseitigen Programm, das unter anderem Tanz und Boxen bietet, Lyrik und Familienspaß sowie Musik und Genüsse inklusive Weißwurst. „Das Fest ist auch ein Dank an die Bürger, schließlich haben sie das Museum finanziert“, sagt Achim Hochdörfer (Jahrgang 1968). Seit 2013 er ist Direktor des Museums Brandhorst sowie der Stiftung Udo und Anette Brandhorst. Das Haus verfügt deswegen – wovon andere nur träumen können – über einen Ankaufsetat von gut drei Millionen Euro im Jahr. Wir sprachen mit Hochdörfer über das Geburtstagskind.
Sie sind erst seit 2013 dabei – ziehen Sie dennoch die Zehn-Jahre-Bilanz.
Das Museum Brandhorst hat sich organisch eingefügt in die Münchner Kulturlandschaft – und in die deutsche und internationale. Die meisten Leute, mit denen ich spreche, sind einerseits überrascht, dass wir schon zehn Jahre alt sind, andererseits ist das Brandhorst-Museum ganz selbstverständlich geworden. Es hat gut geschafft, seinen Ort zu finden.
Wie würden Sie den Ort beschreiben?
Zunächst mal ist es ein Museum zeitgenössischer Kunst. Unsere Sammlung beginnt in den Sechzigerjahren, hat fantastische Werkkonvolute insbesondere von Cy Twombly und Andy Warhol. Wir haben von beiden mit Abstand den größten Bestand in Europa. Wir sind in der Lage, jeweils das gesamte Œuvre abzubilden. Außerdem sind wichtige Stationen der Kunstentwicklung der Neo-Avantgarde und der Achtziger- und Neunzigerjahre in die Sammlung integriert worden, die sich mit den Beständen der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen großartig ergänzen. In den vergangenen Jahren ist es gelungen, ganz ins Zeitgenössische hinein zu sammeln. Dank der Konstruktion von Staat und Stiftung sind wir wie kein anderes Museum in der Lage, systematisch und programmatisch aktuelle Kunst zu erwerben.
Sie haben Ihren Bestand fast verdoppelt.
Es klingt wirklich spektakulär. In diesem Konvolut von über 500 Arbeiten sind einige Nachkäufe, zum Beispiel ein wichtiges Werk von Twombly aus seiner allerletzten Phase. Wir werden es als Auftakt auf der Twombly-Ebene zeigen. Außerdem etwa Arbeiten von Ed Ruscha, Richard Artschwager, auch zu Warhol haben wir Ergänzungen gemacht, und zugleich haben wir jüngere Positionen in die Sammlung aufgenommen: zum Beispiel Wolfgang Tillmans’ allererste Installation, die 1993 für eine Galerie entstanden ist. Er hatte sie noch komplett in Besitz. Dazu kommen viele andere. Wir haben darüber hinaus einen Schwerpunkt auf Künstlerinnen gesetzt, weil es nicht nur bei uns, sondern fast überall ein beschämendes Verhältnis gibt von Kunst aus weiblicher zu Kunst aus männlicher Hand. Wir haben systematisch nachgekauft, vor allem im Medium Malerei. Dank der Stiftung müssen wir uns nicht auf Einzelstücke beschränken, sondern können Werkgruppen erwerben. So kann man künstlerische Entwicklungen, beispielsweise von Monika Baer, verfolgen.
Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und dem Stifter Brandhorst, der sicher seine Vorlieben hat?
Udo Brandhorst ist jemand, der über ein Auge verfügt, das unglaublich ist. Auch wenn man rückblickend sieht, was er gemeinsam mit Anette Brandhorst kaufte. Es ist erstaunlich, wie groß die Anzahl an Spitzenwerken ist. Er verfügt außerdem über ein Netzwerk seit seiner frühen Zeit hier in München in den späten Sechzigern. Übrigens: Er hat seine Frau im Englischen Garten kennengelernt. 1972 sind sie nach Köln gegangen, haben sich in die Kunstszene gestürzt – und haben immer zeitgenössisch gesammelt. Dieses Netzwerk ist großartig für das Haus. Und wir haben das Glück, dass wir einen ähnlichen Geschmack haben. Wir pflegen ein offenes Verhältnis. Außerdem: Bedeutend sind für die Ankäufe auch die Kuratoren am Haus, etwa Patrizia Dander.
Bei Ihrem Einstandsinterview 2013 pochten Sie auf einen „kompromisslosen Qualitätsausweis“. Ist der gelungen?
(Lacht.) Man weiß es natürlich nie. Es ist ja die eigentümliche Paradoxie bei einem Museum zeitgenössischer Kunst, dass man mit einem Blick der Zukunft zurückschaut in die Gegenwart – und hofft, dass man die künstlerischen Tendenzen, Bewegungen und Schwingungen, eben Bilder zusammenträgt, die vielleicht in der Zukunft zu einer Art Ikone werden. Ich hoffe, dass das passiert.
Gibt es Neuzugänge, die Sie lieber wieder loswerden wollen?
Da muss ich klar sagen: Nein. Schichtungen sind für einen Museumsbestand normal. Die nächste Direktorin wird sich womöglich denken: „Was hat der Hochdörfer da gekauft?“ Und der nächste Chef möchte wieder was anderes … Die Überlagerung von unterschiedlichen Interessen macht am Ende dann eine spannende Museumssammlung aus.
Malerei ist Ihnen sehr wichtig. Die Jubiläumsschau setzt einen Schwerpunkt darauf.
Die Malerei hat im 20. Jahrhundert eine Problem-Geschichte, weil sie als ein handwerkliches, veraltetes Medium gegolten hat. Die Opposition zur Fotografie und zu den Neuen Medien – der Begriff ist ja selbst mittlerweile veraltet – zieht sich durch das ganze Jahrhundert. Interessanterweise ist in den Neunzigerjahren und in den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts im Zuge der Digitalisierung die Malerei befreit worden von diesem Stigma des Veralteten. Nachdem die Fotografie „old school“ geworden ist und man Schallplatten und analoge Fotos nostalgisch fetischisiert, ist die Problematik der Malerei wieder offen. Sie kann neu aufgearbeitet werden. Ich bin noch aufgewachsen mit dem Topos vom „Tod der Malerei“. Wenn ich das heute bei Führungen anspreche, versteht das keiner mehr. Ich bin interessiert an einer Geschichte der Malerei, die sich von diesem Ballast befreit hat und sich trotzdem der Schwierigkeiten bewusst ist, die das Medium hat. Es zeigt sich, dass die Malerei durch den Druck auf sie, aus dem Widerstand heraus zu großartigen Lösungen kam.
Was soll in den kommenden zehn Jahren passieren?
Was das Kunstareal angeht, sehe ich eine großartige Zukunft. Vor allem muss es gelingen, es als einen sozialen Ort zu etablieren. Die Münchner Museen hier herum, inklusive Hochschule für Fernsehen und Film, haben die Tendenz, Monolithe zu sein. So toll ich es finde, dass hier auch Fußball gespielt wird – es gibt noch ein enormes Potenzial, das Areal zu verlebendigen. Die städtebauliche Anbindung ans Zentrum muss gelingen. In unserem Umfeld soll nicht nur ein kulturelles, sondern auch ein gesellschaftliches Zentrum wachsen. Dazu gehören Gastronomie, Feste, Veranstaltungen aller Art. Das muss aus dem Herzen der Münchner kommen. Und den Rahmen dazu sollte man setzen.
Und Ihr Museum?
Durch die Stiftung haben wir enorme Entwicklungsmöglichkeiten, um eine der bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst in Deutschland und Europa aufzubauen. Das ist eine Sammlung für die Bayern und die Münchner. Sie ist für die Zukunft von großer kulturpolitischer Bedeutung.
Was ist dabei zu beachten?
Pop und Post-Pop werden wir beim Sammeln im Auge behalten, ausgehend von Warhol. Und von Twombly zieht sich die Linie zur kontemplativen, expressiven Malerei, die beispielsweise bis zu Charline von Heyl läuft. Was zentral wird in den kommenden Jahren, ist, uns medial breiter aufzustellen. Wir haben wenig Medienkunst und Fotografie. Vor allem aber haben wir geografisch großen Nachholbedarf. Unsere Sammlung ist wie die der meisten Museen in Europa und Amerika auf westliche Kunst ausgerichtet. Das wollen wir offensiv angehen sowohl, was die Sammlungs-, als auch, was die Ausstellungspolitik betrifft. Das Jubiläumsjahr nutzen wir deswegen nicht nur zum Feiern, sondern auch dafür, übers Sammeln nachzudenken. Den Weg müssen wir erst finden. Es muss für München passen und für das Kunstareal.
Das Gespräch führte Simone Dattenberger.