Der will nur spielen

von Redaktion

Bob Dylan mit konsequentem Handy-Verbot in Augsburg

VON KATHRIN BRACK

Die Ermahnung ist freundlich, aber bestimmt. „Bitte lassen Sie ihr Handy in der Tasche, wenn Sie in den Saal kommen“, sagt der junge Mann an der Sicherheitskontrolle. Die Dame winkt ab. „Ich hab’ doch gar kein Handy“, sagt sie und zeigt in ihre Tasche. Ganz gewiss ein Fan nach Bob Dylans Geschmack. Die sperrige Musiklegende hat ein Problem mit Handys. Und Fotos. Auf dem Weg in die Augsburger Schwabenhalle, die bis auf wenige Restplätze ausverkauft ist, hört und liest man das mehrmals. „Die Warnung ist ernst gemeint“, sagt auch die Platzanweiserin.

Erst wenige Tage zuvor war es in Wien zu einem mittleren Eklat gekommen, in dessen Folge ein wütender Bob Dylan beinahe auf der Bühne gestürzt wäre. Fans hatten trotz Verbots bei „Blowing in the Wind“ die Mobiltelefone gezückt. Der Sänger unterbrach den Song. Der Nobelpreisträger, der auf der Bühne abgesehen von seinem brummigen Sprechgesang recht schweigsam geworden ist, meinte verärgert: „Wir können entweder spielen oder posieren.“

In Augsburg sind die Regeln deshalb gleich strenger: Wo andernorts Sicherheitsleute stehen, um, nun ja, die Sicherheit zu gewährleisten, hat der Amerikaner unzählige schwarzgewandete Mitarbeiter aufstellen lassen, die kontrollieren, dass während seines zweistündigen Auftritts kein Displaylicht aufleuchtet. „Beim ersten Mal“, sagt die Platzanweiserin, „gibt’s eine Ermahnung.“ Beim zweiten Mal wird man gebeten, den Saal zu verlassen. Tatsächlich bleiben in Augsburg die Lichter ehrfurchtsvoll aus. Man ist es kaum mehr gewohnt in einer Zeit, in der man Konzerte durch das Display der Vorderleute erleben muss.

Aber nicht nur die komplett handyfreie Halle unterscheidet dieses Konzert von vielen anderen. Gewohnt grußlos kommt Dylan, 78, im glänzenden Sakko mitsamt Band auf die Bühne, die außer schmeichelnder Beleuchtung ohne Schnickschnack auskommt. Dann begibt sich die Legende in Deckung: Beinahe während des gesamten Konzerts steht oder sitzt er am Klavier. Seine Songs spielt er diesmal fast ausnahmslos in Blues-Rock-Versionen, und dabei macht er auch vor „Blowing in the Wind“ nicht halt.

Bob Dylan hat schon immer Mut zu Variation bewiesen. Manche warfen ihm vor, seine Stücke zu dekonstruieren. Wer wenn nicht er selbst dürfte das tun? Kaum ein Song, der so klingt, wie ihn der Teilzeithörer gewohnt ist. Eingefleischte Fans erkennen freilich auch die entferntesten Versionen von „Like a Rolling Stone“ oder „Don’t think twice, it’s all right“, das diesmal als Ballade daherkommt.

Bob Dylan interagiert nicht mit seinen Zuhörern, dafür konzentriert er sich zu sehr auf die Musik. Er will nur spielen. Dass gelegentlich mitten im Lied Jubel aufbrandet – beispielsweise, als er das erste Mal die Mundharmonika ansetzt –, nimmt er bestenfalls wohlwollend zur Kenntnis. Was er und seine hervorragende Band aus ihren Instrumenten zaubern, kommt in der eigentlich eher zweckmäßigen Schwabenhalle dank guter Tontechnik wunderbar zur Geltung.

Dieser Abend ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Kein Mitklatschen, kein Mitsingen, keine störenden Zwischentöne. Als die Besucher in Augsburg Bob Dylan mit Standing Ovations verabschieden, lässt er sich zu einer kurzen wie seltenen Verbeugung mit seiner Band hinreißen. Es scheint, dass alles ganz nach dem Geschmack des Meisters verlaufen ist.

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