Großer Vater der Melodien

von Redaktion

Zum Tod von Martin Böttcher, dessen Musik nicht nur bei den Karl-May-Filmen eine Hauptrolle spielte

VON DORIT KOCH

Ohne seine Musik wären Winnetou und Old Shatterhand wohl nur als halb so erfolgreiche Blutsbrüder in die Filmgeschichte eingegangen. Denn in den Kinofilmen der Sechzigerjahre spielte – neben Pierre Brice als Winnetou und Lex Barker als Old Shatterhand – seine Musik die Hauptrolle. Mit 91 Jahren ist der Filmkomponist Martin Böttcher nun in der Nacht zum Samstag gestorben.

Zehn Karl-May-Streifen untermalte Böttcher mit seiner Musik. Der Urenkel eines Weimarer Hofkapellmeisters wurde zu einem der erfolgreichsten Filmkomponisten Deutschlands. 1962 führte die „Old Shatterhand“-Melodie 17 Wochen lang die deutschen Charts an. Gelesen hat Böttcher dennoch kein einziges Karl-May-Buch, wie er vor knapp zwei Jahren zu seinem 90. Geburtstag sagte. „Auch wenn Moderator Frank Elstner mir mal extra den ,Schatz im Silbersee‘ geschenkt hat. Aber ich habe die Geschichten so oft gesehen, da brauchte ich sie nicht zu lesen.“

Ehrenhäuptling wurde Böttcher auch so: Die Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg verliehen ihm den Häuptlingsnamen „Großer Vater der Melodien“. Wenn Apachenhäuptling Winnetou dort in das Freilichttheater am Kalkberg einritt, dann nicht ohne die berühmte Filmmelodie. Auch für einen RTL-Dreiteiler rund um den Winnetou-Mythos wurde 2016 teilweise auf Böttchers Thema zurückgegriffen.

Sein Debüt als Spielfilm-Komponist gab Böttcher, der am 17. Juni 1927 in Berlin geboren wurde, 1955 in „Der Hauptmann und sein Held“. Schon der zweite Film wurde ein Erfolg: „Die Halbstarken“ (1956) mit Horst Buchholz. Unermüdlich vertonte Böttcher danach immer neue Geschichten zunächst für das Kino, später vor allem für das Fernsehen. „13 kleine Esel“ mit Hans Albers und Heinz Rühmanns „Pater Brown“-Filme gehörten ebenso dazu wie Edgar-Wallace-Folgen und zuletzt „Pfarrer Braun“.

Böttcher schrieb und schrieb – das blieb auch für seine Gesundheit nicht ohne Folgen. „Mit 35 und mit 37 war ich schon mal kurz vorm Herzinfarkt“, erzählte er 2017. „Wir sind dann in die Schweiz gezogen, ich habe meinen Lebenswandel geändert, das hat geholfen.“ Seit einigen Jahren lebte Böttcher mit seiner Frau wieder im Norden, in Westerrönfeld bei Rendsburg.

„Wenn ich die damalige Zeit mit der heutigen vergleiche, dann hatten wir ein kleines Paradies“, so blickte er einmal im Interview zurück. „Die Etats stimmten, heute bringen sie einen nur noch zum Weinen. Trotzdem habe ich meine Zusagen nie vom Etat abhängig gemacht, eher reizten mich die neuen Aufgaben.“ Den Weg nach Hollywood ging Böttcher nicht, doch es gab Melodien zu dortigen Erfolgen, um die er Kollegen beneidete. „Die Stücke von Henry Mancini zum Beispiel, der unter anderem für ,Frühstück bei Tiffany‘ komponiert hat. Und natürlich ,Spiel mir das Lied vom Tod‘ von Ennio Morricone.“

Jazz-Gitarrist Böttcher, der seit einem Sturz als Kind auf einem Ohr nichts mehr hörte, hatte sich während der Kriegsgefangenschaft das Gitarrenspiel beigebracht. Nach dem Krieg führte ihn der Weg nach Hamburg, wo er im Tanz- und Unterhaltungsorchester des Nordwestdeutschen Rundfunks anfing. 1954 entschied sich Böttcher, der eigentlich Pilot war, endgültig fürs Komponieren.

Neben seiner Filmmusik schrieb Böttcher Chansons für Françoise Hardy, Romy Schneider, Peggy March oder Elisabeth Flickenschildt. Am 6. Februar 1960 nahm er am deutschen Vorentscheid zum Grand Prix Eurovision de la Chanson teil mit dem Titel „Oh, wie schön“. Es sang der belgische Entertainer Tony Sandler, der später in Las Vegas Karriere machte. Für Deutschland ging dann seinerzeit aber „Bonne nuit, ma chérie“ von Wyn Hoop ins Rennen.

Als „Meister großartiger Filmmusiken, die zeitlos sind“, wurde Martin Böttcher 2016 von der Jury des Deutschen Musikautorenpreises gewürdigt, die ihn für sein Lebenswerk auszeichnete. „Seine Musik geht direkt ins Herz.“ Die Arbeit für die Karl-May-Filme habe ihm seinerzeit „wahnsinnig viel Freude gemacht“, sagte Böttcher einmal. „Nicht nur, weil mir die Melodien so viel Erfolg brachten, sondern weil die Filme meiner Mentalität entgegenkamen. Das Grundmotiv war die Freiheit und die Ungebundenheit des Menschen. Ich musste nicht lange überlegen, bis mir die passenden Noten einfielen, die Musik kam aus dem Bauch. Vielleicht ist sie gerade deshalb so ein Erfolg geworden.“

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