Das freundschaftliche Duell der Matthäus-Passionen war über Jahre am Karfreitag ein Fixpunkt im Münchner Konzertkalender. Nachmittags der Bach-Chor, abends Enoch zu Guttenberg mit seiner Chorgemeinschaft Neubeuern und der KlangVerwaltung. Eine liebgewonnene Tradition, deren Zukunft nach dem Tod Guttenbergs in den Sternen stand und für zahlreiche Spekulationen sorgte: Wie und vor allem mit wem könnte es nach der ebenso bedauerlichen wie konsequenten Auflösung der Neubeurer weitergehen?
Zusätzlich angefeuert wird die Debatte durch die Tatsache, dass der Bach-Chor ab kommender Saison plötzlich im Portfolio der Konzertdirektion Hörtnagel erscheint und damit unter dem Dach von Guttenbergs langjährigem Partner MünchenMusik. „Die Freundschaft mit der KlangVerwaltung bleibt bestehen“, so ist aus dem Büro von MünchenMusik-Chef Andreas Schessl zu erfahren. „Die großen Traditionstermine zu Weihnachten und Ostern sollen in Zukunft weitergeführt werden.“
Auch auf Seiten des Orchesters ist man bemüht, das Erbe im Sinne Guttenbergs zu verwalten. Sowohl bei den Projekten der KlangVerwaltung, als auch bei den Herrenchiemsee-Festspielen, die Geiger Josef Kröner als geschäftsführender Programmdirektor übernommen hat. „Wir wollen auf jeden Fall mit den Münchner Konzerten weitermachen und sind schon kräftig am Planen.“ Das Einzige, was sich noch als schwierig gestalte, sei die Suche nach Dirigenten. „Die viele Spezialisten, mit denen wir schon gearbeitet haben, sind natürlich gerade an den Feiertagen lang im Voraus gebucht.“
Der Spagat zwischen Traditionspflege und notwendiger Neuerfindung scheint Kröner und seinen Mitstreitern bislang nicht schlecht zu gelingen. Und wie bereits beim jüngsten Weihnachtsoratorium war nun auch die Matthäuspassion nur mit rund einem Drittel jener Chorbesetzung zu erleben, die Guttenberg bei seinen monumentalen Bach-Aufführungen versammelt hatte – was ein deutlich entschlacktes Klangbild ermöglichte.
Andererseits war am Karfreitag in der Philharmonie auch zu spüren, dass im Gegensatz zu den über Jahrzehnte miteinander gewachsenen Neubeurern ein nur für spezielle Gelegenheiten zusammengestelltes Ensemble am Werk war, dessen Homogenität hin und wieder noch zu wünschen übrig ließ. Die kleinere Besetzung ist für Kröner keineswegs Flucht nach vorne, sondern eher logische Entwicklung. „Weil auch Enoch weg wollte vom großen Format, um neue Dinge auszuprobieren.“ In einer Saison, die seinem Andenken gewidmet ist, schwebt der Geist Guttenbergs also weiter über den Konzerten.
Dirigent Paul McCreesh ließ sich bei dieser Matthäus-Passion davon nicht einschüchtern und zog seine luftige, manchmal auch betuliche Lesart konsequent durch. Kaum Wünsche offen ließen dagegen die Solisten. Angeführt von Daniel Johannsens geschmeidigem Evangelisten und Georg Zeppenfelds balsamisch weichem Christus, neben denen nicht nur Tenor Martin Mitterrutzner punkten konnte, sondern besonders Wiebke Lehmkuhl mit ebenso einschmeichelndem wie wandlungsfähigem Alt.