Auf ihre beiden Stradivaris kann Anne-Sophie Mutter nicht verzichten. Und doch setzt sich die 55-Jährige für die Urururahnen des Instrumentenbauers ein – etwa mit der Schirmherrschaft über die Münchner Geigentage, die vom 9. bis 26. Mai im Bayerischen Nationalmuseum stattfinden. Bereits am 7. Mai ist sie im Gasteig mit Mozart zu erleben. Am 14. September kommt es zum Doppel-Debüt: Erstmals spielt der Star auf dem Königsplatz, und dann auch noch Werke des Filmkomponisten John Williams.
„Diese Geige ist mein Instrument“ – wie und wann hat man dieses Gefühl?
Ich bin eine große Anhängerin des modernen Instrumentenbaus. Deshalb besitze ich auch mehrere zeitgenössische Geigen, die ich ab und zu auf der Bühne spiele. Besonders wenn es um zeitgenössische Werke geht, die eine exotische Spielweise verlangen. Bei einer Geige ist es tatsächlich wie bei einem Menschen. Es gibt die Sympathie auf den ersten Klang. Manche Kollegen nähern sich einem Instrument gern über mehrere Monate hin an, das ist nicht meins. Wenn ich merke, dass das Instrument nicht die erforderliche Schnelligkeit in der Ansprache hat oder das Timbre, das mir liegt, dann suche ich weiter.
Wie stark darf der Eigencharakter eines Instruments sein? Rudolf Buchbinder meint, er spiele einen Steinway-Flügel, weil er sich darauf selbst besser verwirklichen könne. Ein Bösendorfer bringe zu viel von sich aus mit.
Ich hatte ein wahnsinniges Erlebnis in der Library of Congress in Washington D.C. Dort kann man auf Instrumenten spielen, die per Verfügung das Gebäude nicht verlassen dürfen. Als ich auf der Geige von Fritz Kreisler spielte, war es unglaublich, als ich plötzlich wie er klang. Ich war nicht in der Lage, in dieser Viertelstunde meinen Klang zu erzeugen. Instrumente verändern sich also in den Händen ihrer Lebenspartner. Je älter die Geige, umso stärker ist ihr Eigencharakter. Das macht es aber gerade so reizvoll. Sie kann dann auch aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz erzählen, das finde ich immer einen sehr berührenden Moment.
Welche Geige hatten Sie denn dabei, als Sie den Jakobsweg gingen?
Eine modernes Instrument, eine Übe-Geige in einem Carbonkasten. Und die ist während der zehn Tage auch extrem gealtert. Sie ist jetzt praktisch 100. Ist doch klasse: einfach ein paar Mal den Jakobsweg bei Wind und Sonne laufen, schon hat man ein historisches Instrument!
Warum haben Sie überhaupt eine mitgenommen? Geht’s nicht mal ohne Musik?
Ich hatte gleich danach mein Recital-Programm mit Bachs großer d-Moll-Sonate. Und ich hatte den Eindruck, ich müsse mich intensiver, um nicht zu sagen täglich damit auseinandersetzen. Am Ende des Jakobswegs habe ich außerdem für meine Mitwanderer gespielt, das tat gut. Bach unter freiem Himmel bei Sonnenuntergang, das war schon besonders schön. Da hat sich die Tragerei gelohnt.
Sie sind also so ein Mariss-Jansons-Typ, der mit Partituren am Strand sitzt.
Nein, überhaupt nicht! Ich bin leider wahnsinnig faul. Ich genieße es, mal wochenlang nichts zu tun – und kenne gleichzeitig Kollegen, die täglich spielen, sich auch einen regelrechten Plan machen. Das ist toll, sehr effizient. Aber für mich…
Sie spielen im Gasteig mit dem Kammerorchester Wien-Berlin, das aus Mitgliedern der jeweiligen Philharmoniker besteht, Mozart. Wer ist näher dran an ihm? Die Wiener oder die Berliner?
Wir alle sind nahe dran an Mozart. Außerdem streiten sich, rein historisch gesehen, ja die Gelehrten, ob Mozart Österreicher oder Deutscher war. Ich rate immer meinen Stipendiaten, die aus dem asiatischen Raum kommen, sie mögen sich zum Beispiel mit europäischer Architektur befassen. Man sollte etwa die Thomaskirche kennen, wenn man Bach spielt. Bei Debussy gehen mir oft die Worte aus, wenn ich einem asiatischen Kollegen dessen Klangwelt erklären soll. Da gehen wir einfach ins Museum und schauen uns einen Monet an. Dann fällt der Groschen.
Gibt es Komponisten, die eine größere Interpretationsbreite vertragen? Bach zum Beispiel hält Deutungen von Karajan und Gardiner aus.
Es ist hochspannend, wie verschieden wir Musik empfinden. Das hat alles zu tun mit Kindheitseindrücken, mit neurologischen Vorgängen. Objektive Beurteilungen gibt es nicht. Wir haben alle eine bestimmte Erwartungshaltung, die von unserer Vergangenheit, Gegenwart und von unseren Emotionen geprägt ist. Also geht es eher um eine große Vielfalt. Auch andere Komponisten halten viel aus. Was nicht geht, ist eine dogmatische Denkweise in der Interpretation. Ich habe kürzlich die 15 populärsten, von John Williams für mich neu komponierten Titel in Hollywood aufgenommen. Und ich war fasziniert davon, wie akribisch er arbeitet. Er weiß bis auf den letzten Punkt, welche Bogenstriche er haben will. Andererseits lässt er sich begeistern, wenn es um interpretatorische Alternativen oder ums Experimentieren geht. Diese Offenheit, dieses Ausbrechen aus Hörgewohnheiten hat mich über Jahrzehnte beflügelt, mit zeitgenössischen Komponisten zu arbeiten.
Sie treten am 14. September auf dem Königsplatz auf. Hören Sie schon das Murren der Puristen?
(Lacht.) Ich hoffe, ich höre dann Begeisterung. Ich gehöre vor allem nach dieser Arbeitswoche neulich zu den John-Williams-Fans. Ich bin fasziniert von seiner Instrumentationskunst, von seiner leitmotivischen Arbeit. Das ist ganz große Musik. Dass wir uns getroffen haben als Angehörige zweier Welten, die so unterschiedlich gar nicht sind, empfinde ich als Geschenk. Es ist geigerisch außerdem eine große Herausforderung, einiges ist wirklich teuflisch schwer. Ich habe mich selten auf ein Projekt so gefreut und mich so akribisch vorbereitet. Das ist ein neues Kapitel, das ich aufschlage und das ich über die nächsten Jahre vertiefen möchte.
Ist das typisch deutsch, dass wir überhaupt von zwei angeblich verschiedenen Welten sprechen?
Ja. Es gibt hier einen Nachholbedarf. Erich Wolfgang Korngold war doch auch ein genialer Filmmusik-Komponist und hat das Niveau dieses Genres angehoben. Trotzdem wurde über seine Hollywood-Vergangenheit die Nase gerümpft.
Wie viel Zeit muss vergehen, bis solche Werke in einem Abo-Konzert zum Beispiel des Bayerischen Rundfunks zu hören sind?
Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass John Williams noch ein Violinkonzert schreibt. Aber es hat sich doch viel getan, was die zeitgenössische Musik betrifft. Man muss auch den Sprung hinaus wagen aus einem manchmal freudlosen Exerzitium. Wichtig ist zum Beispiel, dass man mal mit dem Publikum spricht. Dies ist in einem großen Saal natürlich schwierig. Aber in einem Club, das habe ich schon getan, funktioniert es großartig. Ein verbaler Austausch in lockerem Rahmen bringt unglaublich viel. Es muss also neben dem traditionellen Konzertsaal auch andere Plattformen geben. Und es muss dabei nicht immer die eineinhalbstündige Mahler-Symphonie sein. Ich möchte auch nicht immer einen ganzen „Ring“ hören. Die klassische Musik hat, was Werkformen betrifft, doch wahnsinnig viel zu bieten.
Das Gespräch führte Markus Thiel.