Gel(i)ebtes Europa

von Redaktion

Mia Florentine Weiss ist mit ihren LOVE/HATE-Skulpturen auf Deutschland-Tour

VON KATJA KRAFT

Gerade zehn Euro zur Hand? Ein Fünfer langt auch. Schauen Sie mal: auf der rechten Seite ein Gesicht. Europa, Gestalt der griechischen Mythologie, ist auf allen 5- und 10-Euro-Scheinen abgebildet, die seit 2013 und 2014 in Umlauf sind. So selbstverständlich wie unerkannt. Wir nehmen das hin wie wir die Einheitswährung selbst hinnehmen. Die Reisefreiheit. Die Möglichkeit, EU-weit arbeiten zu können.

„Ich wurde 1980 in ein Europa hineingeboren, in dem ich im Urlaub mit meinen Eltern im klapprigen Kombi über drei Grenzen fahren musste. Wir saßen in Autoschlangen. Mussten Pässe vorzeigen. Geld wechseln. Alles Dinge, die heute wie selbstverständlich nicht mehr nötig sind“, sagt Mia Florentine Weiss. In München kennt man die Künstlerin durch die LOVE/HATE-Ambigramme, die bis vor Kurzem am Siegestor, jetzt vor dem Bayerischen Nationalmuseum stehen. Von der einen Seite liest man LOVE, von der anderen HATE. Weiss’ Aufruf dazu, aus Hass Liebe werden zu lassen.

Nun geht sie damit auf Reisen. Sie nennt’s „Rock’n’ Roll-Tour für Europa“. Den Anfang machten Frankfurt und Goslar, es folgen Würzburg, Erfurt, Berlin. Die jeweiligen Partnerstädte in Frankreich, Israel und den USA sind als nächstes dran. Und dann mehr, mehr, mehr. Wie immer denkt die 39-Jährige groß, größer, riesig.

Sie sitzt in einem Café in Frankfurt. Völlig egal, wie der Kaffee schmeckt, an Essen ist vor lauter Arbeit gleich gar nicht zu denken. Hauptsache, es gibt WLAN. Pressemitteilungen verschicken, Fotos auf allen digitalen Kanälen verbreiten. Eine Viertelstunde, dann geht’s weiter. Eben noch Einweihung der LOVE/HATE-Skulptur am Goetheplatz. Zuvor hatte sie am Frankfurter Senckenberg Museum gestanden. Und wurde nun für die Zeit bis zur Europawahl am 26. Mai umgepflanzt. Geradewegs vor die Bronze- Augen des Dichters. Symbolträchtig inszeniert von Weiss, Meisterin der starken Bilder.

Für sie beinhaltet Goethes „Faust“ die ganze Ambivalenz des Menschseins. Das Gegenspiel der widerstreitenden Seelen in unserer Brust. „Jetzt ist zusammen, was zusammengehört. Schade, dass ich gar keine Zeit habe, mich daran zu freuen.“ Für ihr Herzensanliegen gibt die gebürtige Würzburgerin alles. „Wahrscheinlich haben wir zu lange Frieden erlebt und wissen gar nicht mehr, wie schützenswert Europa ist“, warnt Weiss.

Mit ihrem einnehmenden Lächeln öffnet sie überall Türen. Eine Genehmigung für eine Demo mit Kunstinstallation am Brandenburger Tor? Ziemlich schwierig durchzubekommen. Weiss? Gelang es. Am 18. Mai werden auch dort zwei Ambigramme aufgestellt. Prominente Redner werben bei der Demo für die EU.

Die schönste Werbung formuliert Weiss selbst. All den Nationalisten, die gegen einen „Einheitsbrei Europa“ hetzen, hält sie entgegen: „Ich will auch nicht, dass diese Vielfalt, die wir haben, verloren geht. Soll sie doch auch gar nicht! Wir sind ein Garten Eden mit 28 Blumen. Lauter verschiedene Arten und jede steht für sich. Aber gemeinsam sind wir dieses Paradies. Und dieser Populismus und der ganze Nationalismus sind das Unkraut, das durch den Boden wuchert und alles verdrängen will.“

Dabei verstünden die Gegner gar nicht, was auf dem Spiel steht. „Jeder kann seine wunderbaren Raffinessen behalten. Aber wir müssen uns doch darüber klar sein, dass etwa ein kleines Österreich nicht allein gegen den Rest der Welt bestehen kann. Dieses Klein-Klein ist viel zu kleingeistig.“ Eine Schicksalswahl also? Überschwängliches Nicken. „Wir haben jetzt die Möglichkeit, über den Erhalt der europäischen Idee zu entscheiden und jetzt Mut, Geschlossenheit, Grundgesetz und Kunstfreiheit über alles zu stellen.“ Gemeinschaftlich – darauf komme es an.

Sie selbst ordnet dem alles unter. „Mein Umfeld erkennt mich, glaube ich, mittlerweile nicht mehr wieder. Ich trage eine Klamotte, seit ich weiß nicht mehr, wie lange. Ich war nicht mehr im Kino solange ich denken kann, ich war nicht mehr privat einfach nur was essen. Ich arbeite rund um die Uhr fokussiert an dieser Vision, die in irgendeiner Form vorangetrieben werden muss.“ Fehlt ihr das alles? Breites Lachen. „Nein! Das hier, das ist, wofür ich lebe.“

Getragen von der Liebe. „Meine Liebe dazu, etwas zu verändern. Meine Liebe dazu, Bilder in die Welt zu schicken. Meine Liebe dafür zu sehen, wie die Menschen darauf reagieren.“ Und am Ende, sinniert sie und schaut zu der Goethe-Statue. „Am Ende sind wir wieder bei ,Faust‘: Ich unterliege der Versuchung, ich kann nicht anders. Die Versuchung des Verführers Kunst ist zu groß, als dass ich mich ihr nicht hingebe.“

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