Mit Provokation

von Redaktion

Am Freitag erscheint nach zehn Jahren Pause ein neues Album von Rammstein

VON GERD ROTH

Rammstein-Songs sind selten eindeutig. Die mitunter banalen, aber eben häufig überaus poetischen Texte von Till Lindemann funktionieren oft auf diversen Ebenen. Die Interpretationsspielräume, das martialische Auftreten, nicht zuletzt direkte oder indirekte Bezüge auf die NS-Zeit und ihre Ästhetik haben der weltweit erfolgreichsten deutschen Band oft den Vorwurf eingebracht, weit am rechten Rand zu spielen. Mit ihrem titellosen siebten Studioalbum positionieren sich Rammstein nun auf der anderen Seite. Die neue Platte enthält elf Songs und steht am Freitag in den Läden. Die Fan-Gemeinde dreht schon jetzt am Rad. Videos zu „Deutschland“ und „Radio“ klickten in kurzer Zeit im deutlich zweistelligen Millionenbereich.

Womit wir beim Punkt wären, der bei Rammstein gern als PR-mäßig geplanter Affront verbucht wird. Nach zehn Jahren ohne neues Album haben die Musiker Ende März das „Deutschland“-Video mit einer sofort von Protesten begleiteten Provokation angekündigt: In der kurzen Sequenz sind Mitglieder der Band in Kleidung zu sehen, die an die von KZ-Häftlingen erinnert. Der Clip wurde zudem Punkt 18 Uhr veröffentlicht – die Ziffern stehen für die Buchstaben A und H im Alphabet, bei Neonazis die beliebte Kombination für Hitlers Initialen.

Der Song selbst ist ein brutaler Ritt durch 2000 Jahre Geschichte eines Landes, dem Rammstein sagt: „Meine Liebe kann ich dir nicht geben“. Es sei zu viel „übermächtig, überflüssig, Übermenschen, überdrüssig“, denn „wer hoch steigt, der wird tief fallen“. Doch die nächste Zeile lautet: „Deutschland, Deutschland über allen.“ Werden sich die Fans bei der anstehenden Tour an das „n“ am Ende halten oder auf die von den Nazis diskreditierte „über alles“-Variante ausweichen?

Genau hingehört haben die in der DDR aufgewachsenen sechs Rammstein-Mitglieder für „Radio“. Das Lied ist ein Schrei gegen Zensur und Unterdrückung: „Wir durften nicht dazugehören; nichts sehen, reden oder hören.“ Doch Musik kenne ebenso wie Gedanken „keine Grenzen, keine Zäune“. Im Video schafft es eine Armee nicht, eine Radiostation in Besitz zu nehmen und vor dem Funkhaus wehen am Ende rote EU-Fahnen.

„Zeig Dich“ ist eine Abrechnung mit dem Teil des Klerus, dessen Vertreter sich „aus Versehen an Kindern vergehen“, alles stets „im Namen des Herrn“. Ein weiterer starker Song ist „Puppe“. Text und Musik machen die sich steigernde Verzweiflung eines Buben spürbar, der beobachten muss, wie sich seine Schwester prostituiert und schließlich von einem Freier ermordet wird. Dem Abgründigen, Grenzüberschreitenden frönen die Rammstein-Songs auch bei immer wieder von der Band aufgegriffenen Themen wie Promiskuität („Ausländer“), Sadomaso-Fantasien („Sex“), Voyeurismus („Weit Weg“) oder Kindesmissbrauch („Hallomann“).

Musikalisch ist auf dem Album sehr viel Rammstein-DNA zu hören. Die Riffs der Gitarristen Richard Kruspe und Paul Landers sind hart und eingängig, oft überraschend und häufig originell. Musikalisch zitiert die Band Kraftwerk, Anne Clark, Gregorianische Gesänge, Krautrock und Techno. Der Kick, der Rammstein im Vergleich zu anderen Rockern so besonders macht, sind aber erneut die intelligenten musikalischen Phrasen, die Christian „Flake“ Lorenz mit seinen Tastengeräten einbringt.

Artikel 4 von 6