Der Glucksbringer

von Redaktion

Mit Tenor Charles Castronovo hat die Bayerische Staatsoper noch viel vor

Gerade die Titelrolle in Donizettis „Roberto Devereux“ an der Seite von Edita Gruberova, demnächst Verdis „I masnadieri“ und „La traviata“ plus Rollendebüt im „Don Carlo“: Die Bayerische Staatsoper hat noch viel vor mit Charles Castronovo. Der 43-Jährige stammt aus New York, wuchs in Kalifornien auf und gehört zu den wichtigsten Vertretern im italienisch-französischen Tenorfach. Ab kommenden Sonntag ist er im Nationaltheater als Admète in Glucks „Alceste“ zu erleben.

Kürzlich waren Sie der Partner Edita Gruberovas in ihrer letzten Opernvorstellung. Eine Situation, in die man als Tenor nicht sehr häufig kommt.

Eine außergewöhnliche Erfahrung! 51 Jahre auf der Bühne, was für eine Ära! Ich weiß nicht, ob heutzutage so etwas wieder möglich sein wird. Edita Gruberova war unglaublich zuvorkommend und total undivenhaft. Auch als meine Frau, die Sängerin Ekaterina Siurina, eine Liste mit technischen Fragen hatte. Da Edita Gruberova keinen Unterricht gibt, war ich der Überbringer. Die Antworten habe ich dann meiner Frau gegeben. Eine seltsame Situation. Mir wurde auch gesagt, dass Edita häufig unzufrieden ist mit ihren Tenören. Da kommt man schon ins Nachdenken. Herr Bachler hat mir aber nach den Vorstellungen gleich mehrfach versichert, wie zufrieden sie war. Glück gehabt.

Ist „Alceste“ eine realistische Geschichte?

Das Verhältnis zwischen Alceste und Admète ist eigentlich sehr modern. Sie befindet sich in jeglicher Hinsicht auf demselben Level wie er. Klar, die Götter und Helden in diesem Stück sind eher weniger realistisch. Aber die Gefühle von Alceste und Admète, die Art, wie sie sich aneinander festhalten, das ist aktueller denn je. Sie agiert edler, aufopferungsvoller als er. Als er herausfindet, dass sich seine Frau zu seiner Rettung opfern will, bekommt er Angst. Weil er begreift, wie vorbildlich sich Alceste verhält und dass er auch so agieren sollte.

Noch gibt es dieses Klischee, Gluck-Opern seien eher langweilig. Welches Problem hat Gluck eigentlich heute?

Ich muss zugeben, dass ich auf eine gewisse naive Art früher auch so dachte. Das hat nichts mit den Arien zu tun, die sind wunderbar. Mein größtes Problem waren – sie sind es übrigens jetzt noch beim Lernen – die Rezitative. Die meisten spielen sich immer in derselben Tonart ab. Das kann man sich nur schwer merken. Man weiß oft nicht: Kommt jetzt eine Aufwärtsbewegung? Oder geht es doch runter? Nach einiger Zeit verstand ich: Es geht nicht um kleine musikalische Revolutionen in jedem Takt, die wir bei Gluck vielleicht vermissen. Bei ihm sind vielmehr die Worte zentral, an ihnen muss man sich orientieren. Der Sänger muss mithilfe der Worte eine bestimmte Farbe kreieren. Auch dadurch können Überraschungen für den Hörer passieren. Es geht mehr um Nuancen, Farben, Eindrücke, die das Emotionale der Figuren vermitteln. Das hat wenig Äußerliches. Vielleicht ist Gluck deshalb so schwer.

Sie begannen im Chor der Los Angeles Opera. Wollten Sie zunächst gar nicht Solist werden?

Oh doch. Seit der Zeit, als ich früher in meinem Schlafzimmer zu den großen Operneinspielungen gesungen hatte, träumte ich davon, mit diesen Partien in der Welt herumzureisen. Ich ging in den Chor, weil ich unbedingt auf einer Bühne sein wollte. Es kam nur zu zwei Opern-Produktionen, danach bekam ich sofort kleinere Rollen angeboten. In zweieinhalb Jahren kamen dabei einige Partien zusammen. Dadurch konnte ich viele Erfahrungen sammeln. Danach kam ich in ein Young-Artist-Programm an der Met. Ich blieb nicht länger als zwei Jahre, weil mir klar war: Dich bringen nur große Rollen weiter, im Zweifelsfall eben an kleinen Häusern.

Leben Sie noch in Los Angeles?

Nein, ich bin mit meiner Frau und den beiden Söhnen im vergangenen Sommer nach Berlin gezogen. Ich bin als Sänger extrem viel unterwegs, 90 Prozent meiner Karriere spielt sich in Europa ab. Und Kalifornien ist verdammt weit weg, um nur kurz nach Hause zu fliegen.

Ist es leichter, in Europa Karriere zu machen? Ist es vielleicht sogar notwendig?

Jedes Mal, wenn mich ein junger amerikanischer Sänger fragt, rate ich ihm, nach Europa zu gehen. Mehr Häuser, mehr Möglichkeiten. Es ist auch gar nicht schlimm und nur normal, an ein kleineres Haus zu gehen. Das bringt einen auch mental und charakterlich weiter: andere Orte, neue Leute kennenlernen, offen sein, auch mit Widernissen zurechtkommen. Im Übrigen fühle ich mich als Europäer, obwohl ich in den USA geboren bin. Ich habe den größten Teil meines Erwachsenenlebens in Europa verbracht. Deshalb spreche ich mittlerweile wohl auch ein eher neutrales US-Englisch.

Sie sind ein Sohn von Einwanderern. War es vor 30, 40 Jahren leichter, in den USA Immigrant zu sein?

Meine Eltern waren sehr jung, als sie in die USA kamen. Als mein Vater Sizilien verließ, war er 16. Und meine Mutter war 17, als sie von Ecuador kam. Es war der klassische Auswanderungsgrund: ein besseres, stabileres, geregeltes Leben suchen, mehr Geld verdienen… Die Familie meines Vaters blieb in Sizilien. Er sollte und wollte erst Geld verdienen, um sie dann zu holen. Anfangs arbeitete er als Tellerwäscher in einem italienischen Restaurant. Er hörte nie auf zu arbeiten. Als er in Ruhestand ging, meinte er: „Mir ist langweilig.“ Also fand er einen Job in einem Kongresszentrum. Was ich sagen will: In gewisser Hinsicht war es schwieriger, weil man wie ein Wahnsinniger schuften musste. Zugleich hatte es etwas Normales, Einwanderer zu sein. Man musste sich allerdings durchsetzen können.

Und wollen Ihre Söhne nun auch Sänger werden?

Ich habe den älteren einmal gefragt. Er meinte: lieber Schauspieler oder Regisseur. Das fand ich gut: „Genau, werde einer, der das Sagen hat.“ Meine Frau meinte dazu: „Hauptsache, du wirst nicht Musiker, ein schreckliches Leben.“ Aber sie ist Russin, da ist alles ein Stück dramatischer.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Artikel 5 von 9