Alles hat seine Zeit, wusste schon der weise König Salomo, und das gilt natürlich auch für Theaterstücke. Friedrich Dürrenmatts Irrenhaus-Groteske „Die Physiker“ (1961) hatte ihre Zeit etwa vor einem halben Jahrhundert. Ganz im Bann der Atombombe – der ja immer noch nicht gebrochen ist – stellte das Stück damals die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft für das, wozu ihre Erkenntnisse dann in der Praxis benutzt werden. Mittelpunkt eines Forscher-Trios in der Irrenanstalt, das nacheinander drei Krankenschwestern abmurkst, ist der geniale Physiker Möbius (herausragend: Jakob Immervoll), der behauptet, ihm erscheine der König Salomo. Aber tatsächlich spielt Möbius nur den Verrückten, um zu verhindern, dass seine bahnbrechende Entdeckung der Weltformel von der Menschheit zu bösen Zwecken missbraucht wird.
Neuerdings kommen „Die Physiker“ also gelegentlich doch immer wieder mal auf den Spielplan. Sollte ihre Zeit vielleicht noch nicht vorbei oder wieder neu angebrochen sein; und wenn ja, warum? Eine Antwort darauf gab es zwar nicht im Münchner Volkstheater, wo jetzt Hausregisseur Abdullah Kenan Karaca dieses Musterbeispiel des Absurden Theaters auf die Bühne brachte. Aber immerhin war es ein vergnüglicher Abend, eine Art irrwitzige Idylle, denn Karaca kümmerte sich weniger ums Fundamentale, sondern griff einfach in seine gut gefüllte Einfalls-Kiste. Bei ihm geriet die Forscher-Farce zum saftigen Zwischending aus Revue und Karikatur.
Eine Schau ist bereits der Bühnenbild-Guckkasten aus mehreren gestaffelten Rahmen, die leicht schräg ineinander gekantet sind. Genau das richtige Setting also für ein Stück, in dem ausnahmslos schräge Vögel auftreten. Die Irrenärztin Fräulein Doktor von Zahnd etwa, eine Rolle, die seit der Uraufführung von Therese Giehses Interpretation geprägt wurde, ist bei Carolin Hartmann eine leicht verpeilte Diva im hochgeschlitzten Rock, die gerne mal mit Rüschenschleppe daherrauscht und als Diseuse alter Schule ein Lied zum Besten gibt. Sozusagen irre komisch wirkt auch Pascal Fligg als verdutzter Kriminalinspektor, der aus der realen Welt in das surreale Seelensanatorium von Fräulein Doktor hereinschneit, aber, irritiert durch die Irren, bald selber nicht mehr weiß, wer hier gaga ist: er oder die anderen? Und die verrückten Physiker endlich, dezidiert gegen die Rollen besetzt, sind bei Mauricio Hölzemann und Vincent Sauer blutjunge Krischperl, denen man wirklich nicht zutraut, dass sie es schaffen, eine stämmige Krankenschwester zu töten, wie sie von Luise Deborah Daberkow schön handfest verkörpert wird.
Diese Szene ist hier buchstäblich eine Mordsgaudi, denn sie wird wunderbar grotesk übertrieben als Schattenspiel in einer blutroten Kreisfläche dargestellt, wobei der Täter auch noch zum Messer und dann gar zur Kettensäge greifen muss, um sein schauerliches Metzelwerk zu vollbringen. Prompt taucht die Gemeuchelte kurz darauf als vitales Gespenst aus einer Bodenluke wieder auf und schmettert so stimmgewaltig Edith Piafs Klassiker „Non, je ne regrette rien“, dass sie verdienten Szenenapplaus einheimst. Ob das eine Metapher sein könnte für die Wiederauferstehung von Dürrenmatts Stück? Langer, herzlicher Applaus.
Nächste Vorstellungen
am 28. und 29. Mai sowie am 8., 14. und 20. Juni;
Telefon 089/ 523 46 55.