Ein bisschen fühlt es sich nach Antritts-Pressekonferenz an. Aber nein, die gab’s einen Tag zuvor im Residenztheater, wo Neu-Intendant Andreas Beck sich und sein Programm vorstellte (wir berichteten). Für den Kollegen Matthias Lilienthal ist es gestern in den Kammerspielen die letzte Spielzeit-Pressekonferenz. Er wird bekanntermaßen 2020 das Haus verlassen. „Wir werden uns mit unserer Arbeit nicht rausschleichen, sondern sowohl die Mitarbeiter als auch die Zuschauer bis zum letzten Tag nerven“, versichert der 59-Jährige.
Eine Anspielung auf die durchaus schwierigen vier zurückliegenden Jahre. Das Stammpublikum und der Intendant – sie wollten nicht so recht warm miteinander werden. Lilienthal findet: anfangs. Seit der zurückliegenden Saison sei der Knoten geplatzt, mit „absolut herausragenden Produktionen“ wie Philippe Quesnes „Farm fatale“ oder Christopher Rüpings zehnstündigem „Dionysos Stadt“. Ein gewagtes Projekt angesichts der gesunkenen Auslastung des Theaters (Stand jetzt: rund 65 Prozent), gesteht Lilienthal. „Wenn 120 Spieler für 110 Besucher auf der Bühne stehen. Umso mehr freue ich mich und bin stolz, dass das Stück zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde.“
Mit diesem positiven Impuls wollen sie in die neue Saison starten. „Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt richtig Lust bekommen, hier zu arbeiten“, sagt er. Kritische Nachfrage: „Jetzt erst?“ Nein, nein, wendet der Noch-Intendant gleich ein. „Lust, hier zu arbeiten und alles zu geben, hatte ich immer. Aber ich hatte das Gefühl, weniger Liebe zurückzubekommen, als wir gegeben haben.“ Mit dem neu gewonnenen „liebevollen Blick“ vom Publikum sei’s einfach noch schöner.
Den wollen sie sich zu Beginn der Spielzeit zunächst mit drei Premieren an drei Tagen erarbeiten. Alle drei mit kritischem Blick auf Gesellschaft und Politik. So präsentiert Anta Helena Recke am 26. September ihre Interpretation von Sigmund Freuds „Die Kränkungen der Menschheit“. Sie ergänzt die von Freud diagnostizierten Kränkungen um eine vierte: die Kränkung, dass es nicht nur die „eine Menschheit“ gebe, sondern unterschieden werde zwischen „Weißen“ und „Farbigen“.
Ein Thema, das auch junge Menschen bewegt. Welche Fragen die Jugend heute sonst umtreibt, zeigt Verena Regensburger in „These Teens will save the Future“ (Premiere: 27. September). Stellvertretend für die rund 30 mitwirkenden Jugendlichen zwischen 10 und 21 Jahren, die Regensburger auf Demonstrationen gecastet hat, sitzen gestern Konstantin Kloppe und Lilli Biedermann mit auf dem Podium. Warum engagieren sie sich politisch? Biedermann, 19, Studentin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat eine klare Antwort: „Weil die Gesellschaft so, wie sie jetzt aufgestellt ist, nicht funktioniert. Ich engagiere mich für Gleichberechtigung. Jetzt ist die Lücke offen, man muss mutig sein, sich durchzuquetschen und etwas zu verändern.“
Am 28. September folgt ein Wiedersehen: In Stefan Puchers „König Lear“ übernimmt Thomas Schmauser die Titelrolle. Er kehrt fest ins Ensemble zurück. Neu für die Kammerspiele gewonnen werden konnte außerdem Julia Windischbauer, die seit 2016 an der Otto-Falckenberg-Schule studiert.
Den größten Coup bewahrt sich Lilienthal für den Schluss. „Vergangene Saison hatten wir eine Zehn-Stunden-Inszenierung. Aber ich bin ja Matthias Lilienthal.“ Grinsen. „Deshalb gibt’s diesmal eine über 24 Stunden.“ Inspiriert durch den Roman „Olympia 2666“ wird mit den Zuschauern eine 24 Stunden dauernde Tour zu verschiedenen Orten in der Stadt unternommen. Bespielt von unterschiedlichen Regie-Teams; szenografisch verbunden vom Architekturkollektiv „raumlaborberlin“.
Wir erinnern uns: Noch bevor Lilienthal mit der Saison 2015/16 die Münchner im Schauspielhaus aufmischte, nahm er sich mit diesem Kollektiv die ganze Stadt vor. Mit dem Projekt „ShabbyShabby Apartments“, bei dem kreative Wohnraum-Ideen umgesetzt wurden. Das passt zur letzten Frage: Wenn die Liebe jetzt entfacht ist – ist dann eine Rückkehr nicht ausgeschlossen? Lilienthal: „Doch. Ich verlasse München. Mit Arbeitslosengeld kann man sich die Stadt eh nicht leisten.“