„Es ist mir wichtig, auf solche Zustände aufmerksam zu machen“, sagt Katharina Sieverding (Jahrgang 1944) und blickt im Festsaal des Dachauer Schlosses auf eine ihrer plakatgroßen Fotoarbeiten. Man sieht in grobem Grau-Braun aus der Vogelperspektive auf das riesige Flüchtlingslager in Jordanien (80 000 Menschen). Über der seltsamen Schönheit, die die Reihung von Unterkünften ausstrahlt, erkennt der Besucher der Ausstellung „Katharina Sieverding – Am falschen Ort II“ die Schemen von russischen Soldaten, die einen Bomber beladen: Jener Zufluchtsort wurde zum Angriffsziel. Wieder haben sich die Volksbank Raiffeisenbank Dachau, die Stadt, der Landkreis und die Schlösserverwaltung zusammengetan, um eine Schau zu stemmen, die überregionale Bedeutung hat. Und mit Sieverding darf man eine Welt-Künstlerin präsentieren. Welch ein Coup.
Im Gespräch mit unserer Zeitung nach der dominanten Schlossarchitektur gefragt, schmunzelt die Documenta- und Biennale-Teilnehmerin. Bei jedem Wort merkt man ihr an, dass es ihr Spaß gemacht hat, sich fordern zu lassen: „Nun gibt es die Renaissance-Decke mit ihren üppigen Ornamenten, den Götter-Fries – und meinen Fries. Deswegen haben wir in den Saal die große Diagonale gesetzt.“ Auf diesem kräftigen Zwischenwand-Corpus reihen sich mächtige Fotoarbeiten – von den Siebzigerjahren bis heute. „Ich war damals schon in China“, erklärt Sieverding, die in ihrer Dachauer Reihung Impressionen aus der Volksrepublik mit US-Elementen kontrastiert. Daneben leuchtet immer wieder die Kraft der Frau an sich auf, die von Anfang an ihr Schaffen begleitet. Außerdem gibt es zwei extra für Dachau geschaffene Arbeiten.
„Natürlich ist der Ort eine Herausforderung“, betont Katharina Sieverding und meint damit nicht das Schloss. „Das Erste, was einem einfällt, ist das KZ und seine Geschichte.“ Darauf wollte sie reagieren. Als sie im Berliner Reichstag wieder einmal ihr dort hängendes Werk inspizierte, kam ihr die Idee. Sie kombinierte die Luftigkeit und Dynamik der Reichstagskuppel – „da spaziert der eigentliche Souverän herum“ – mit den starren Massen-Bauten der KZs (Sachsenhausen und Dachau).
Die Künstlerin geht gesellschaftspolitisch und wissenschaftshistorisch hochbewusst vor; die Ergebnisse sind jedoch sinnlich oft umwerfende Erlebnisse. Da passt der Auftakt gleich am Eingang perfekt. In der Video-Installation „Die Sonne um Mitternacht schauen“ (2011-2015) steht man zwischen unserem verdoppelten Zentralgestirn – hier blau, da rot. Aus Hunderttausenden von Nasa-Aufnahmen setzen sich die pulsierenden Kugeln zusammen, die wir endlich gefahrlos anschauen können. Hier wird der Mensch auf seine Nichtigkeit gestaucht. In der Beletage ironisiert dann die Serie „Die Sonne um Mitternacht schauen“ von 1973 mit ihren Gold-Gesichtern den Menschen, der eben nicht in die Sonne sehen kann. Außerdem dürfen sich darin Schlossfenster und -park spiegeln. Auch die Besucher kommen in ihrer Eitelkeit nicht zu kurz: Sie werden an der Seite von Herakles Teil des Triptychons „Maton Solarisation“.
6. Juni bis 15. September,
täglich 10-18, Do. bis 20 Uhr;
Schlossstraße 2, Dachau; Katalog: 29 Euro.