Herausforderung angenommen

von Redaktion

MÜNCHNER OPERNFESTSPIELE Sopranistin Marlis Petersen über ihre erste Salome

Kirill Petrenko hat Marlis Petersen einmal im Rahmen einer Saison-Präsentation der Staatsoper eine Liebeserklärung gemacht: Bei der Münchner „Lulu“ habe es 2015 gefunkt zwischen beiden. Künstlerisch natürlich. Wie wenige andere vereint die schwäbische Sopranistin darstellerische Intensität mit sehr musikalischer Tongebung und stimmlicher Qualität. Gerade erweitert sie ihr Fach um dramatischere Partien. Dazu sagt sie lachend: „Wenn man bald 50 wird, darf man das ja auch, oder?“ Am 27. Juni gibt sie bei den Opernfestspielen ihr Debüt als Salome. Außerdem singt Marlis Petersen am 24. Juli einen Liederabend mit dem Programm ihrer CD „Dimensionen: Anderswelt“, dazu gibt es am 5. Juli, 16 Uhr, ein Künstlergespräch bei Ludwig Beck.

Kirill Petrenko holt Sie für auffallend viele Engagements auch außerhalb Münchens. Was ist das Besondere an der Zusammenarbeit mit ihm?

Wir haben einfach musikalisch die gleiche Ebene. Er hat die Gabe, die es selten gibt bei Dirigenten, nämlich Dinge gleichzeitig zu tun. Auf der einen Seite richtet er nach seiner klanglichen Vorstellung die Orchesterstimmen ein, hört dann den Sängern zu, wie sie gewisse Stellen gestalten, und versteht sofort den musikalischen Ausdruck: Ist das sehr Parlando? Wird der Bogen sehr groß gemacht? Ist hinter einem Ton besonders viel Dampf? Und das integriert er sofort in den Orchesterklang. Das ist ein großartiger Respekt vor dem Sänger und eine hundertprozentige Hingabe an die Wahrheit der Musik.

Sie sind eine sehr musikalisch denkende und gestaltende Sängerin. Macht es das leichter, mit der ungeheuren Genauigkeit Petrenkos klarzukommen? Die könnte ja Sänger auch unter Druck setzen oder einengen.

Ich mag diese Genauigkeit sehr gerne, da ziehen wir an einem Strang. Gerade wenn man eine Partie das erste Mal erarbeitet wie jetzt die Salome. So ist nämlich die Rolle wirklich bis in der kleinsten Zelle des Körpers verankert. Und dann hat man die Freiheit des Abends und kann auf der Basis dieser exakten Beherrschung damit spielen.

Die Salome müsste eine absolute Traumrolle sein, weil sie so vielfältig interpretierbar ist. Wie sehen Sie diese Figur?

Meine Sicht, unabhängig davon, wie wir sie machen?

Schon mal interessant, dass es da eine Diskrepanz gibt…

Da gibt es immer eine gewisse Diskrepanz, weil ein Regisseur natürlich die Figuren aus seinem Blickwinkel beleuchtet, auf diese Schiene muss man sich unter seiner Anleitung einlassen. Mir ist beim Lernen als Erstes aufgefallen, dass sie eine pubertierende 13- bis 14-Jährige ist, die aus einer oberen Gesellschaftsschicht kommt, alles haben kann, aber nie wirkliche Liebe oder auch nur Zuwendung bekommen hat. Deswegen ist Jochanaan so interessant, weil er völlig anders ist als alle Menschen in ihrem Umfeld. Auf ihn projiziert sie all ihre Liebe, die sonst nirgendwo Platz hat. Und das wird von ihm abgelehnt, weil er sich in die Religion verritten hat. Durch diese Ablehnung wächst in ihr diese fanatische Rachesehnsucht, ihm wehzutun. Die Macht dazu hat sie ja. In unserer Inszenierung kommt Salome schnell an einen Punkt, an dem sie gar nicht mehr bei sich ist, wo sie nur noch wegwill und am liebsten tot sein möchte. Der Tod spielt bei uns von Anfang an eine große Rolle. Der übt eine enorme Faszination auf sie aus, sie sehnt sich nach der Ruhe, der Erlösung im Tod.

Liebt sie Jochanaan im erotischen Sinne? Will sie mit ihm Sex haben?

Für mich ist das nicht wichtig. Sie ist fasziniert von seiner Abgezehrtheit, wie sie es ausdrückt. Der Schmutz hat eine fast perverse Anziehung. Und dann redet sie sich in Rage, sie spiegelt in ihrer fast kindlichen Begeisterung alle Sehnsüchte in ihm. Und natürlich ist sie auch fasziniert in ihrer unreligiösen Freiheit. Ich habe bisher nur Inszenierungen gesehen, bei denen Jochanaan hehr aus der Zisterne rauskommt und wieder reingeht. Aber dass etwas auch in ihm passiert, dass da etwas ist zwischen den beiden, das wurde mir noch nicht gezeigt. Wir versuchen, diese Beziehungen herzustellen. Übrigens auch die sonst wenig beleuchtete Verbindung zu Narraboth.

Die nahezu unlösbare stimmliche Aufgabe bei der Salome ist ja, dass sie eigentlich klingen muss wie ein junges Mädchen, aber gleichzeitig die Kraft und Dramatik braucht, um gegen die Orchesterfluten anzukommen. Wie teilen Sie sich diese Rolle ein?

Da bin ich ehrlich gesagt noch am Üben, wir sind ja gerade erst in den Klavierproben. Meine Energie und meine Ökonomie mit dem Stück muss ich noch finden. Aber sehr schwierig ist, die ganzen Parlando-Stellen, die im höheren Register liegen und sehr schnell gesprochen werden, verständlich und dennoch im Metrum sowie mit einer gewissen Leichtigkeit zu singen. Und dann gibt es natürlich den Tanz, der hier machbar ist, weil er eher rituell als ballettartig oder akrobatisch sein wird. Sehr heikel ist die Stelle unmittelbar vor dem Schlussgesang, die extrem dramatisch ist, vor allem, weil man noch das fesselnde Piano braucht. Und dann wird’s auch noch sehr tief… Schon ’ne Herausforderung! (Lacht.)

Das Gespräch führte Maximilian Maier.

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