Die vielen Flügel der Fledermaus

von Redaktion

Das Münchner Amerikahaus zeigt eine umfangreiche Ausstellung zu „80 Jahre Batman“

VON MICHAEL SCHLEICHER

Wo sind die Helden, wenn man sie braucht? Im Jahr 1993 wurde Paul Dini auf der Straße überfallen und brutal zugerichtet: Seine Nase gebrochen, das Jochbein zertrümmert, Hämatome am Körper waren dunkel schillernde Zeugen der Gewalt. Stundenlang flickte ihn ein Chirurg zusammen. Mit den (psychischen) Folgen der Attacke kämpfte der Autor sogar jahrelang. Er, der sich vor allem als Texter von „Batman“-Geschichten einen Namen gemacht hatte, verarbeitete diese „dunkle Nacht“ letztlich in der autobiografischen Erzählung „Dark Night“. Ängste, Rachefantasien, Frust – Dini packte all das in den Comic, den der Argentinier Eduardo Risso in seine eigene, variantenreiche Bildsprache übersetzte.

Eine Seite aus dieser Geschichte, die eine Ahnung von Dinis Furcht vermittelt, ist jetzt im Münchner Amerikahaus zu sehen. Michael Kompa hat eine vielseitige und informative Ausstellung zu „80 Jahre Batman“ kuratiert. Das Risso-Blatt zeigt dabei beispielhaft, wie variantenreich in Zeichenstil und Erzähltechnik die Figur des dunklen Ritters in den vergangenen acht Jahrzehnten gestaltet wurde. Denn mit dem stets so properen Superman ist das Dini-Drama einfach nicht vorstellbar.

All das konnte der damals 22-jährige Bob Kane (1916-1998) nicht ahnen, als er im Mai 1939 im Heft Nummer 27 der „Detective Comics“ Batman erstmals auf Verbrecherjagd schickte. Kane wurde als Robert Kahn in New York geboren – wie viele Superhelden-Zeichner der ersten Stunde war er Sohn jüdischer Einwanderer: Sein Vater Hermann Kahn hatte sich aus Osteuropa in die Neue Welt aufgemacht. Bob Kane, wie sich der talentierte Bursche seit seinem 18. Lebensjahr nannte, arbeitete zunächst als Animator bei den Fleischer Studios und zeichnete für jenen Verlag, der „Superman“ herausbrachte. Dieser erste Superheld und Begründer des Genres hatte 1938 Premiere – rasch verlangten die Leser nach mehr: Wie gut, dass Kane damals mit einem Fledermaus-Heroen experimentierte. Zusammen mit Autor Bill Finger (1914-1974) entstand schließlich Batman.

Von Beginn an hat der sich von anderen Helden unterschieden. Das macht bis heute seine Faszination, auch seine Wandelbarkeit und Langlebigkeit aus. Denn Batman ist nach den Regeln der Literaturwissenschaft gar kein Superheld. Zwar teilt er mit diesen die Tarnexistenz (unter dem Fledermauskostüm verbirgt sich Millionär Bruce Wayne) und lebt einsam sowie unabhängig (wie Clark Kent alias Superman ist er sogar Waise). Doch fehlen ihm übernatürliche Kräfte: Batmans Stärke ist das Ergebnis harten Trainings, die Klugheit Folge lebenslangen Lernens. Unter allen Superhelden ist er den Lesern am nächsten, wirkt am menschlichsten.

Das ist im Amerikahaus eindrucksvoll nachzuvollziehen: Originale von mehr als 70 Künstlern versammelt die Schau – jeweils mit eigener Sicht auf die Figur: Da sind die sauberen, beinahe fotorealistischen Seiten eines Alex Ross; die wuchtigen, die Comic-typische Panelform sprengenden Gemälde eines Dave McKean oder David Mazzucchellis klarer, ausdrucksstarker Strich. Zugleich erzählt „80 Jahre Batman“ von einem lange vergangenen Kapitel der Comic-Kunst, als die Einzelseiten noch von Hand in Schwarz-Weiß gezeichnet und danach für den Druck koloriert wurden. Heute entstehen selbst Helden am Computer.

Bis 30. September

Mo.-Fr. 10-17 Uhr, Mi. bis 20 Uhr, So. bis 16 Uhr;

Barer Str. 19a; Eintritt frei.

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