6. Juni 1967, Studentenkongress in Hannover. Der Frankfurter Sozialphilosoph Jürgen Habermas ist einer der wenigen Professoren, die sich bei dieser Protestveranstaltung nach der Beerdigung des in Berlin durch eine Polizeikugel getöteten Benno Ohnesorg zu Wort meldeten. Ihm ging es in diesen stürmischen Jahren der Studentenrevolte auch um Solidarisierung. Aber vor allem erkannte er die Notwendigkeit, angesichts der Großen Koalition zwischen Sozialdemokraten und CDU die Rolle der außerparlamentarischen Opposition zu stärken. Allerdings kritisierte er frühzeitig bereits erkennbare Formen extremistischer Gewalt bei der APO, der er eine „voluntaristische Ideologie“ vorwarf. Habermas hat damals für den Protest, der bemerkenswerterweise mit Bücherverbrennungen im Frankfurter Institut für Sozialforschung begann, den Ausdruck „Links-Faschismus“ geprägt, ein Begriff, von dem er sich später zwar distanzierte, die Intention dieser Kritik aber nicht widerrief.
Es steht außer Frage, dass der politisch profilierte Intellektuelle Habermas, der heute seinen 90. Geburtstag feiert, der meist zitierte deutsche Denker der Gegenwart ist. Und dessen Einspruch und Widerrede haben den gesellschaftlichen Diskurs in der alten wie der neuen Republik wesentlich geprägt. Habermas rieb sich immer wieder an restaurativen Tendenzen. Dazu gehörte Mitte der Achtzigerjahre auch der heftige Streit führender Historiker über die Frage, ob das Geschehen von Auschwitz relativiert werden müsse, damit die Deutschen ihre nationale Identität finden könnten. Solche Fragestellungen stießen auf seinen entschiedenen Widerspruch. Sein Credo: „Die Geschichtswissenschaft kann keinen Sinn stiften, sondern höchstens die Aneignung von Sinnzusammenhängen vorbereiten.“
Aus Düsseldorf gebürtig, Jahrgang 1929, begann Habermas seinen Weg als Soziologe und Philosoph – mit Abweichungen und Irritationen – an der Seite von Adorno und Horkheimer, den Urvätern jener berühmten Frankfurter Schule, deren Erbe und Kopf Habermas bis heute darstellt. Der junge Linksintellektuelle suchte die Auseinandersetzung über den Weg, den die zweite deutsche Republik zu gehen habe, über die Strukturen ihrer Öffentlichkeit, den herrschenden Kapitalismus und die allgemein grassierende Geschichtsvergessenheit. Seine Habilitationsschrift bei Wolfgang Abendroth in Marburg zum Thema „Strukturwandel der Öffentlichkeit – Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft“ war schon fast ein Lebensprogramm: Der Philosoph, der die Ursprünge des politisch-kulturellen Debattenwesens erforschte, wurde gleichzeitig zum streitbaren Protagonisten, der mit Einwänden zu zentralen Fragen der Republik ein hohes Maß an Aufmerksamkeit fand.
Seine kritische Energie, auch gegenüber der Generation von 68, setzte Maßstäbe für eine Kritik von innen, die sich für diesen Staat und seine Verfassung stark machte. Für Habermas wie für die meisten Gesellschaftswissenschaftler seiner Generation wurden Demokratie und Westbindung zum konstitutiven Ausgangspunkt ihres Politikverständnisses. Sein Ideal von Kants „ewigem Frieden“ war fest mit dem Begriff der Republik verbunden. Nur dieser Staatsform traut Habermas zu, die kulturellen und religiösen Differenzen unserer Zeit zu entschärfen. So kann man von ihm lernen, inwieweit Verständigung, inwieweit Kommunikation der zentrale Leitfaden ist, um einen Standpunkt zu gewinnen, von dem aus die Gesellschaft zu beurteilen ist. Jürgen Habermas wuchs durch die Jahre in die Rolle einer moralischen und intellektuellen Instanz hinein, ohne sich je nach diesem Einfluss gedrängt zu haben.
Seine Bücher sind mittlerweile in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Freunde und Mitstreiter rühmen an ihm die Synthese von Gelassenheit und Souveränität mit Leidenschaft, mit Temperament und kreativer Unruhe. In dem 1999 erschienenen Buch „Wahrheit und Rechtfertigung“ umkreist Habermas das Leitmotiv seines Denkens. Es geht ihm um das, was er „Welterschließung“ nennt, um die Frage, ob es einen Wirklichkeitsbezug gibt, der allen Menschen gemeinsam ist. Habermas gelangt zu dem Ergebnis, dass die universelle Geltung der Menschenrechte zur Einschränkung nationalstaatlicher Souveränität führt, das Völkerrecht zu einem Weltbürgerrecht transformiert werden muss.
Häufig waren seine Schriften auch da, wo sie philosophische Grundprobleme behandelten, Antworten auf aktuelle politische Fragen. Als zum Beispiel 1981 seine „Theorie des kommunikativen Handelns“ erschien, konnte man eine Theorie der Bürgerbewegungen erkennen, die damals gerade entstanden. Oder seine Sammlung rechtstheoretischer Aufsätze von 1992 – „Faktizität und Geltung“ – da plädierte er für ein neues Staatsbürgerschaftsrecht.
Ein Dachkammer-Philosoph ist Habermas nie gewesen. Immer wieder ergreift er in wichtigen öffentlichen Debatten das Wort. So etwa zur Europapolitik, Finanz- und Wirtschaftskrise: „Was mich am meisten beunruhigt, ist die himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit, die darin besteht, dass die sozialisierten Kosten des Systemversagens die verletzbarsten sozialen Gruppen am härtesten treffen.“ Jürgen Habermas’ Fazit: Der Privatisierungswahn ist an sein Ende gekommen. Nicht der Markt, sondern die Politik ist für das Gemeinwesen zuständig.