Kraftakt im Großformat

von Redaktion

Das Festival auf Gut Immling startete mit Puccinis „Turandot“

VON TOBIAS HELL

Musiktheater auf Gut Immling, das ist von jeher ein Gesamtkunstwerk, bei dem der Blick auf das selbst bei Gewitter noch eindrucksvolle Chiemgauer Bergpanorama ebenso mit zum Operngenuss gehört wie die schaukelnde Busfahrt über enge Waldwege, die Alphornbläser-Begrüßung oder der Brotzeitteller mit Obazdn und Brezen. Und ja, leider auch die wie immer zu langen Eröffnungsreden dank derer dieser Premierenabend wieder einmal gut eine Stunde später als angekündigt über die Ziellinie ging.

Deutlich kurzweiliger war zum Glück das, was musikalisch geboten wurde. Selbst wenn man sich mit der „Turandot“ womöglich ein wenig überhoben hat. Schließlich verlangt Puccinis monumentales Märchen selbst größeren Festivals, die beim Budget aus den Vollen schöpfen können, einiges ab. Immling vertraut ganz auf die Magie des Ortes, an dem jeden Sommer junge Musikerinnen und Musiker unterschiedlicher Nationen zusammenkommen, um sich, angefeuert von Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock, in ihre Arbeit zu stürzen.

An Engagement mangelte es auch diesmal nicht. Allerdings erst nach einer gewissen Aufwärmphase. Vor allem dem ersten Akt war deutlich anzuhören, dass es sich bei Chor und Orchester eher um sommerliche Arbeitsgemeinschaften und nicht um über Jahre zusammengewachsene Klangkörper handelt. Mit ihren komplexen Harmonien und großen Chorszenen ist Puccinis letzte Partitur eben doch eine andere Hausnummer als die in den kommenden Wochen noch bevorstehenden Premieren der „Fledermaus“ und des „Don Giovanni“. Oder das Familienmusical „Shrek“, das zusammen mit einer Reihe von Konzerten den gewohnt breit aufgestellten Spielplan abrundet.

Dass Festival-Chef Ludwig Baumann als Regisseur die kleinen Dramen des Alltags wunderbar sensibel auf die Bühne bringen kann, hat unter anderem seine hinreißende „Bohème“ von 2018 gezeigt. Während er dort ins Detail gehen konnte, ist bei Puccinis großformatigem Alterswerk ein etwas breiterer Pinselstrich gefragt. Und in dieser Hinsicht fehlt es seiner Inszenierung gerade in den wuselnden Chortableaus an Fokus. Zusätzlich verstärkt durch kleine Wackelkontakte zwischen Bühne und Graben, die sich im Laufe des Sommers mit steigender Routine verflüchtigen dürften.

Ein Besuch der ambitionierten Produktion lohnt sich neben der poetischen Ausstattung von Eketarina Zacharova allein schon wegen des Protagonistenpaares, um das manches Theater die Immlinger beneiden dürfte. Titelheldin Trine Møller ist endlich einmal keine schwergewichtige Wagner-Heroine auf Sommerfrische, sondern verfügt über einen tragfähigen lyrisch-dramatischen Sopran, der ohne jede Schärfe mühelos in die Höhe segelt. Statt in einem Dezibel-Duell zu enden, wurde die Rätselszene so zu einem ungewohnt nuanciert gestalteten Schlagabtausch zwischen der männerhassenden Prinzessin und dem todesmutig um ihre Hand werbenden, namenlosen Fremden. Auch, weil Møller in Thomas Paul als Calaf einen zu Recht selbstbewussten Tenorpartner zur Seite hatte, der sein beeindruckendes Rollendebüt mit einem strahlenden „Nessun dorma“ krönte.

Beatriz Díaz als etwas herber timbrierte Liù musste sich daneben schon mächtig ins Zeug legen, wurde am Ende aber ebenso gefeiert, wie das spielfreudige Ministertrio, aus dem sich Sergiu Sˇaplˇacan mit frischem, unverbrauchtem Tenor für größere Aufgaben empfahl. Mit dieser „Turandot“ ging nicht nur für Baumann ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung, sondern auch für seine dirigierende Gattin, die nach ihrem krankheitsbedingten Ausfall im Vorjahr mit Ovationen wieder „daheim“ begrüßt wurde. Ein Kraftakt für alle, den das Publikum jubelnd honorierte.

Wenn der Vertreter des Ministeriums da etwas ungelenk davon sprach, dass es „in der Kunst nicht auf die Höhe der Geldbeträge ankommt, die zur Verfügung stehen, sondern auf Kreativität und Fantasie“, war dies also hoffentlich keine Ankündigung von künftigen Sparmaßnahmen – sondern bitte ein Ansporn, dem Lob auch weiterhin Taten folgen zu lassen.

Weitere Aufführungen:

29. Juni, 5., 13., 20. Juli, 4. und 10. August;

Telefon: 08055/903 40.

Artikel 5 von 8