David Bowie ergreift Besitz von Brandon Grays Körper. Mit Stolz und doch Bedauern im Blick schreitet der junge Tänzer durch ein gutes Dutzend anderer Körper hindurch, bricht zusammen, schnellt zurück nach oben, in die Arabesque, dreht und windet sich, lässt sich auf Händen tragen. Aus dem Lautsprecher donnert der letzte Gruß des 2016 verstorbenen Bowie an die Welt, das Abschiedslied „Lazarus“. Gray bewegt die Lippen dazu. In diesem Moment ist er der von Gott berührte Leichnam und auch die Pop-Legende. „Look up here, I’m in Heaven“, singt Bowie. Eben nicht nur im Himmel: Dank Gray und dessen Kolleginnen und Kollegen vom Ballettkollektiv Complexions ist er auch hier, in einem Backsteinbau in Brooklyn, in dem Schweiß auf den Schwingboden tropft und die Luft schwängert.
„Okay, das war gut“, sagt Dwight Rhoden, klatscht und erhebt sich. Dann will der Choreograf doch noch ein paar Posen korrigiert haben. Gerade ist Probe, noch ohne Make-up und Kostüme. Rhodens Partner Desmond Richardson tanzt den jungen Kollegen vor, was gemeint ist. Das Complexions Contemporary Ballet lebt von Kontrasten, das merkt man an der Besetzung des Briten Bowie mit dem Afroamerikaner Gray – und man erkennt es bereits an den Chefs: Rhoden spricht bedacht, ist der Scheue, Richardson die Rampensau. „Das Gute an Malern ist, dass sie in Ruhe an ihrer Kunst arbeiten können – ich brauche Körper, um arbeiten zu können“, sagt der eine augenzwinkernd. Der andere ergänzt lachend: „Und ich muss immer alles bequatschen.“
Kontraste machen Complexions seit nunmehr 25 Jahren zu einer der angesagtesten Tanzcompanies der USA, die nun erstmals auch in Deutschland und ab 2. Juli in München zu erleben sein wird. Hier verschmelzen die formale Strenge des klassischen Balletts, die spontane Dynamik des zeitgenössischen Tanzes und die Athletik des Streetdance miteinander. Nicht mühelos – dafür ist das Ganze viel zu atemberaubend schweißtreibend. Aber ganz selbstverständlich.
Auf die Idee muss man erst einmal kommen, die Musik von Johann Sebastian Bach (und dessen Sohn Carl Philipp Emanuel) mit der von Bowie zusammenzuspannen, wie dies in „Stardust“ geschieht. Doch als an diesem Vormittag in Brooklyn die Barockharmonien von Bachs Konzert Nr. 5 aus den Boxen perlen, fällt der Tanz dazu nicht weniger ausdrucksstark aus.
Rhoden und Richardson lernten einander Mitte der Achtziger als Solisten des renommierten Alvin Ailey American Dance Theater kennen. Richardson hatte da eine beeindruckende Laufbahn vor sich: Er sollte unter anderem im Video von Michael Jacksons Hit „Bad“ zu sehen sein, live für Aretha Franklin, Madonna und Prince auf der Bühne stehen. Unter William Forsythe tanzte er später beim Frankfurter Ballett und war als Othello der erste afroamerikanische Hauptsolist des American Ballet Theatre. „Ich wollte mich nie festlegen lassen“, erklärt er. Und Rhoden erinnert sich: „Alvin Ailey steckte uns damals in seinen Stücken immer zusammen. Also fragte ich Desmond, ob er nicht auch mal das Versuchskaninchen für meine eigenen Choreografien spielen wollte.“
Complexions entstand 1994 als einmaliges Projekt – eine Ansammlung von Tänzern aus aller Herren Länder, mit unterschiedlicher Hautfarbe (das deutsche Wort für Complexion) und den vielfältigsten Staturen – Kontraste eben. „Wir waren die Vereinten Nationen auf der Bühne“, sagt Rhoden. „1994 war das bahnbrechend. Auch damals war ja schon viel von ,Diversity‘ und Inklusion die Rede – aber keiner praktizierte sie. Heute ist das Thema nicht weniger aktuell.“
Als die Shows am Broadway alle ausverkauft und die Kritiker verliebt waren, verstetigte sich das Projekt. Heute rekrutieren Rhoden und Richardson die begabtesten Tänzer in aller Welt und haben bereits 80 Choreografien auf die Bühne gebracht, zu so unterschiedlicher Musik wie Metallica und zeitgenössischer Klassik. Natürlich wird auch in dem Programm „Stardust“ nicht nur Brandon Gray in Bowies Rolle schlüpfen. Mindestens fünf Bowies gibt es, Männer wie Frauen. Das passt nicht nur zum androgynen Image der Poplegende, es ist das künstlerische Selbstverständnis der Truppe.
Die musikalische Wahl für das Jubiläumsprogramm sei ihm leichtgefallen, sagt Dwight Rhoden: „Ich wollte das 25-Jährige mit den Komponisten feiern, die mir am meisten bedeuten. Bach habe ich schon immer geliebt – er ist so tanzbar und physisch. Und Bowie war immer ein künstlerisches Chamäleon, was ja gut zu uns passt. Aber ich hatte ehrlich gesagt ein bisschen Angst, weil ich ihn so mag. Als Jugendlicher habe ich mich schon immer so angezogen wie er. Darum wollte ich es nicht versauen.“
Hat er nicht. „Stardust“ ist hochanspruchsvoll und hat dennoch keine Scheu zu unterhalten – und es zeigt in seiner künstlerischen Vielfalt, dass wir eben alle „Helden“ sein können, wie Bowie einst sang, egal welche Herkunft und welches Geschlecht wir haben. „In unserer Welt gibt es so viel Vielfalt, so viele Unterschiede zu entdecken und zu feiern“, sagt Desmond Richardson. „Das ist es, was Complexions auf der Bühne tun. Der Zuschauer kann sich bei uns wiedererkennen.“
„Stardust“
läuft von 2. bis 7. Juli im Deutschen Theater; Karten unter 089/55 23 44 44.