Nicolas Pesce hat es faustdick hinter den Ohren. Mit „The Eyes of my Mother“ begeisterte er 2016 die Fans von Horrorfilmen. Die ersten Minuten von „Piercing“ wirken, als würde der US-Regisseur nahtlos weitermachen: Wir sehen, wie der junge Reed (Christopher Abbot) einen Eispickel gegen sein eigenes Baby richtet. Der Mordversuch scheitert – doch Reed ist besessen von der Idee, einen Menschen zu töten und bereitet die Tat gewissenhaft vor. Doch dann kommt alles anders, als Genrefreunde erwarten – und das nicht nur, weil Callgirl Jackie (umwerfend selbstbewusst gespielt von Mia Wasikowska) auf gar keinen Fall zum Opfer taugt. „Piercing“ zitiert unangestrengt die Kinogeschichte; zudem beeindruckt der Film durch strenge Komposition und eleganten Retro-Look. Der größte Reiz ist aber Pesces Spiel mit Versatzstücken des Horrorfilms und mit Erwartungen des Publikums. Denn bei seinen tollen Schauspielern weiß man nie: Passiert gleich ein Mord – oder ist es Liebe? Der Film ist jedenfalls ein klarer Fall von „Horror interruptus“. leic