Applaus, Blumen, Getrampel und zu guter Letzt Standing Ovations – so feierte das Münchner Festspielpublikum am Freitagabend Plácido Domingo. Nicht nur die alten Fans schwelgen im Glück, wenn der legendäre Tenor – schon vor Jahren in baritonale Regionen hinabgestiegen – als Père Germont in Verdis „La traviata“ einen Grandseigneur mit Haltung und Herz verkörpert. Als Ausnahme-Künstler versteht er es auch heute noch – an der Grenze zur 80 – die Stimme diszipliniert und charakterisierend einzusetzen und die Bariton-Höhen im Forte auszukosten. Als liebender Vater, der um Wohl und Ehre seiner Kinder besorgt ist, lässt es ihn dennoch nicht kalt, von Violetta die Abkehr von seinem Sohn einzufordern.
Kein Wunder, gelingt doch Ailyn Pérez eine zutiefst glaubwürdige, anrührende Zeichnung der Kurtisane. Deren Verletzlichkeit und Flucht in oberflächliche Vergnügen, aber auch die tiefe Liebe zu Alfredo und der schmerzliche Verzicht spiegeln sich in der weit aufblühenden, auch in der Mittellage wohltönenden Stimme der Amerikanerin. Kleine Schärfen in der Extremhöhe der Koloraturen (große Szene, erster Akt) sind rasch vergessen, und die zunehmende Konzentration in der Gestik erhöht überdies die Intensität ihrer Violetta – bis hin zum Tod in der von Regisseur Günter Krämer vor 26 (!) Jahren erdachten Lichtgasse.
Welch ein Glück, dass der brasilianische Tenor Atalla Ayan als Alfredo das Trio so adäquat komplettiert. Nicht nur im überzeugenden Spiel, auch stimmlich wirkt er wie ein Naturbursche, der seinen Emotionen freien Lauf lässt. Trotz des eher dunklen Timbres setzt er sich in der Höhe mit Strahlkraft durch und erobert die Herzen der Münchner Festspielgäste im Nu.
Während Marco Armiliato am Pult des sensibel reagierenden Staatsorchesters in den Vorspielen auf viel Delikatesse achtet, verrutscht zuweilen die Balance in den Ensembles mit mächtig auftrumpfendem Chor. Den Beifall des Publikums für alle Mitwirkenden schmälert das jedoch keineswegs.