Totentanz ins Leben

von Redaktion

PREMIERENKRITIK „Die Pest“ im Passionstheater Oberammergau

VON SIMONE DATTENBERGER

Spiel – „Passionsspiel“ — „Das Spiel vom Oberammergauer Passionsgelübde“: Im Spiel, im Theatermachen liegt nicht Zerstreuung, wie man heutzutage meinen möchte, sondern Konzentration auf mich selbst und meinen Bezug zum Wesentlichen. Deswegen war vor Urzeiten das Spiel, ob Tanz oder Theater, auf das Sakrale bezogen. Die Gottheit war anwesend. Das ist längst vergessen – auf der Bühne und im Parkett. Erst wenn wir wieder im Passionstheater Oberammergau sitzen, erinnern wir uns, dass uns die Kunst mit dem Himmel verbindet. Ganz besonders spürbar wird das, wenn’s auf die Passionsspiele zugeht. 2020 ist es so weit. Und seit 1933 ist es der Brauch, ein Jahr vorher ein Spiel aufzuführen, wie es überhaupt zu ihnen kam.

Also hat sich vor sieben Wochen ein großer Teil der Passions-Mannschaft um Spielleiter Christian Stückl versammelt. Entwickelt hat man das Drama „Die Pest“ nach einem Text von Martin F. Wall. Es hatte am Freitagabend seine heftig beklatschte Premiere. 150 Oberammergauer sind dabei auf der Bühne aktiv. Es gibt ja nicht nur die durchweg überzeugenden Darsteller, es gibt auch den wunderbaren Chor und das imponierende Orchester. Wie immer bestens gerüstet durch Markus Zwink. Neben dem musikalischen „Training“ hat er für „Die Pest“ eine klug akzentuierende Musik komponiert, die Gefühle entfacht – aber nicht Filmschmachtfetzen-plump.

Dezent ist ebenfalls Stefan Hageneiers Ausstattung: ein fein gegliedertes, geschickt durchbrochenes, schwarzes Fassadenrund, das das Dorf andeutet; und meist schwarze, ans 19. Jahrhundert angelehnte, eher städtische Kleidung für die Ammergauer. Effekte setzen auf der Cinemascope-Bühne nur ein offenes Grab, später das Pestfeuer und das Kruzifix.

Schon das tut kund, dass Christian Stückl nicht semi-dokumentarisch von der Daseins-Katastrophe der Menschen zwischen Hunger, Soldateska und Seuchen während des Dreißigjährigen Kriegs erzählen möchte. Der „Pest“-Regisseur (zum vierten Mal) und Intendant des Münchner Volkstheaters zieht das Drama unauffällig, aber energisch an uns heran. Durch einen kurzen Prolog werden die historischen Fakten genannt. Danach sehen wir eine Gesellschaft, der es relativ gut geht. Trotzdem verachten ihre Mitglieder einander, vor allem die Schwachen und die Frauen, – und sich selbst. Sogar Gaudi und Feste rutschen in Bösartigkeiten. Hier haben Andreas Richter (2020 Kaiphas) als geldiger, herzloser Steinbacher und Rochus Rückel (2020 Jesus) als armer, zynisch gewordener Totengräber Faistenmantl ihre großen Auftritte und Dispute, die menschliche Abgründe zwischen Hass, Zweifel und Verzweiflung ausleuchten.

Die politische Verwaltung im Dorf ist brav, doch hilflos. Der Pfarrer zeigt als moralische Instanz nicht den alternativen Weg des Respekts und der Liebe auf. Er droht und hetzt stattdessen. Den Pesttod vor Augen fällt er schließlich von Gott ab. Benedikt Geisenhof (2020 Petrus) zeichnet einen verbissenen Geistlichen, der nie wirklich an Christi Lehre geglaubt haben kann.

Die andere Linie des Stücks, die uns die Charaktere auf der Bühne nahe bringt, sind die verqueren, schmerzhaften Liebesgeschichten zwischen Elisabeth Schisler und ihrem Mann Kaspar, der die Pest nach Ammergau einschleppt, und die zwischen Vitus, seinem Sohn, und Zenz; außerdem die ebenso schmerzhafte Vater-Sohn-Beziehung von Kaspar und Vitus. Barbara Schuster, Sophie Schuster (2020 beide Magdalena), Maximilian Stöger (2020 Kaiphas) und Cengiz Görür (2020 Judas) spielen wahrhaftig, tief und berührend; vor allem in der Trauer um den kleinen Karl, das erste Pestopfer. Jakob Maderspacher gibt ihn herzerfrischend als Lausbua.

Mit diesem Schlitzohr und einem Tölpel-Spiel (hier derbes Jesuiten-Theater) im Spiel à la Shakespeares „Sommernachtstraum“ signalisiert Stückl trotz aller religiöser Differenziertheit und Ernsthaftigkeit, dass ein sinnenfrohes, unterhaltsames Spiel, dass Theater gemacht wird. Der Totentanz endet mit dem Gelübde im Leben: mit toll choreografierten Massenszenen und punktgenauen Effekten sowie reich an Anspielungen auf den „Jedermann“ genauso wie auf das Alte Testament und natürlich das bevorstehende Passionsspiel.

Weitere Vorstellungen

am 12., 13., 19., 20. Juli sowie am 2. und 3. August; Karten: 08822/945 88 88 oder 089/54 81 81 81.

Artikel 4 von 10