Viel mehr als eine tolle Kulisse

von Redaktion

Die Sopranistin Asmik Grigorian unter freiem Himmel beim Strauss-Festival im Kloster Ettal

Es gibt einiges, was den bajuwarischen Klang-Gigantomanen Richard Strauss und Antonín Dvořák, die Galionsfigur unter den tschechischen Komponisten, eint. Unzweifelhaft sind es ihre Liebe zu ausgedehnten Spaziergängen in der Natur und ihre Heimatverwurzelung. So verwundert es nicht, dass Alexander Liebreich mit seinem neuen Hausorchester, dem Rundfunk Sinfonieorchester Prag, beim Open-Air-Konzert im Innenhof des Klosters Ettal (kein Wölkchen am Himmel, hie und da piesacken einen die Mücken) beide Komponisten in den Dialog setzt.

Zum Auftakt bewirbt sich erst einmal der Schalk um die Gunst des Publikums: Hat man ein feuriges sowie williges Orchester und ein nervenstarkes Solo-Horn – hier blieben kleine Wünsche offen –, kann kaum etwas schiefgehen bei „Till Eulenspiegel“. Humor ist die Waffe der Wahl: Spritzig und kess, knackig im tiefen Blech und den Trompeten sowie mit Wiener Charme in den üppig besetzten Streichern zelebriert Liebreich eine Explosion der Farben und Charaktere. Immer wieder lässt er den Strauss’schen Klangschmelz fließen, der dem Publikum das tröstliche Gefühl vermittelt, dass am Ende doch alles gut werden könnte.

Auch die wunderbare Asmik Grigorian hat Liebreich eingeladen, sich quasi als singende Nixe in dieses Klangbadebecken zu begeben. Die aus Litauen stammende Sopranistin betört mit warmer Fülle, raumgreifender Höhe, satter Tiefe. Sie ist keine Diva, sondern steht für eine Klarheit, die man sich im Opernbetrieb oft wünscht. Aber es ist schwer, auf der offenen Bühne, über den Orchesterapparat hinweg und mikrofonverstärkt in die intime Atmosphäre der Liedliteratur von Strauss einzutauchen. Grigorians Phrasierung braucht Zwischenatem, der Hörer ringt etwas mit der Textverständlichkeit. Doch in den immer wieder ausdrucksstarken Momenten bestaunt und genießt das Publikum Grigorians Kunst.

Poetisches Strömen, entfesselte Tempi, energieberstende Dramatik verlangt Liebreich vom Orchester in Dvořáks achter Sinfonie. Auch hier ist es die klangliche Geste der Versöhnung, die zum beeindruckten Hörer Brücken baut. Dabei zeigt Liebreich vor der Silhouette der Klosterkirche, dass es um mehr geht als um eine tolle Event-Location. Das Ettaler Open-Air ist Heimat für Musik. DOROTHE GSCHNAIDNER

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