Freilich kann man es sich leicht machen, und er musste diesen Vorwurf in seiner langen Karriere auch immer wieder hören: dass sie allzu schlicht seien, die Cartoons, (zu) leicht zu verstehen, und dass sie unterhalten. Ja, und?
Natürlich stimmt das alles: Guillermo Mordillo, der jetzt im Alter von 86 Jahren gestorben ist, reduzierte seinen Stil radikal. Seine Figuren bestehen vornehmlich aus Knollen, seine Vorliebe galt Nasen – egal ob bei Mensch oder Tier. Oft ging der argentinische Zeichner so weit, dass er selbst die Kleidung wegließ: Männlein und Weiblein hopsen dann, wie Mordillo sie schuf, durch die in klaren Farben kolorierten Szenerien, die ebenfalls weich und rundlich wirken.
Die enorme und – nebenbei bemerkt – für einen Künstler herausfordernde Vereinfachung seines Stils führte zu universeller Verständlichkeit der Zeichnungen. Zwei weitere Aspekte erleichterten die weltweite Vermarktung der Arbeiten: Mordillo erzählte seine komischen Episoden häufig in nur einem Bild und kam zudem ohne Text aus. Als er 1963 nach Paris zog, konnte er kaum Französisch und hatte Angst, sich durch falsche Bildunterschriften zu blamieren – deshalb verzichtete er einfach darauf. All das führte dazu, dass es Mordillo-Motive heute auf Tassen, Klamotten, Postkarten und, und, und gibt. Zu kurzen Filmchen animiert, verkürzte sein Humor zudem nicht nur den Fahrgästen der Münchner U-Bahn die Wartezeit. Aber das ist nicht alles. „Ich glaube, in jedem meiner Werke steckt eine politische Idee“, sagte Mordillo einmal, „jedoch an zweiter und nicht an erster Stelle.“
So ist es. Der Künstler, der 1932 als Sohn spanischer Einwanderer in Buenos Aires geboren wurde, beleuchtet in seinen besten Arbeiten immer auch das menschliche Miteinander. Oft spießt er in den Zeichnungen, die er mit Bleistift oder Tusche skizzierte, bevor er sie ausarbeitete, den schnöden Egoismus auf: Da lässt sich etwa der lässige Wasserskifahrer von zwei schwitzenden Ruderern übers Meer ziehen. Ein anderes Motiv zeigt, wie ein Mann ein Stück aus einem Stamm gesägt hat – und ein zweiter den Baum nun stützen muss. „Nachdem Gott die Welt erschaffen hatte, schuf er Mann und Frau. Um das Ganze vor dem Untergang zu bewahren, erfand er den Humor“, kommentierte der Argentinier, der sich selbst einen „sehr optimistischen Pessimisten“ nannte.
Seine Ein-Bild-Witze haben Mordillo, der 1948 seine Ausbildung zum Illustrator an der Journalistenschule von Buenos Aires abschloss, berühmt gemacht. Doch der Künstler, der zu Beginn seiner Karriere Kinderbücher illustrierte und im Trickfilmstudio arbeitete, hatte auch andere Seiten. Sein Tierzeichnungen erinnerten den Betrachter mitunter an die Wichtigkeit des Umweltschutzes. Und explizit politisch wurde er etwa, als er der Freiheitsstatue ein Schwarz-Weiß gestreiftes Sträflingshemd überzog – eine kaum versteckte Anspielung auf die hohe Zahl Inhaftierter in den USA. Deutlich fiel 2015 seine Reaktion auf den Anschlag islamistischer Terroristen in der Redaktion der französischen Satirezeitung „Charlie Hebdo“ aus. Mordillo zeichnete damals einen traurigen Clown mit einem Bleistift in der Hand; im Gespräch mit der „Wiener Zeitung“ erklärte er dazu rückblickend: „Die Essenz von Humor war für mich lange Zeit Zärtlichkeit und Angst. Jetzt ist davon nur noch die Angst geblieben. Für mich muss man in der Geschichte des Humors eine neue Einteilung finden: vor und nach ,Charlie Hebdo‘. Es wird nie wieder so sein wie davor.“
Mordillo war ein Weltbürger, der an vielen Orten lebte und arbeitete – als „Künstler“ verstand er sich indes nicht. „Cartoons hängen nicht im Louvre, nicht im Prado, nicht im Metropolitan Museum, sie werden nicht als Kunst wahrgenommen“, sagte er in dem Interview. „Erst an dem Tag, an dem Cartoons in diesen Museen hängen, bin ich bereit, von Kunst zu sprechen.“