Familien-Komplexe

von Redaktion

„Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino“ am Volkstheater

VON ALEXANDER ALTMANN

Wegdämmern ging nicht an diesem heißesten Premierenabend seit Jahren. Denn zwischendurch kriegte man einen gehörigen Schreck, wenn es im Münchner Volkstheater plötzlich blitzte und ein grauer Felsbrocken mit voller Wucht herabknallte auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Aber zum Wegdämmern gab es ohnehin keinen Grund. Der Regisseurin Mirja Biel gelang zum Abschluss der Saison ein packendes, kurzweiliges Schauspielerfest und ein süffiger Bilderreigen dazu.

Aber dafür bietet sich Martin Crimps Antiken-Adaption „Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino“ (2013) ja an. Das Stück des englischen Erfolgsautors ist eine gekonnt aufgefrischte Fassung von Euripides’ „Phönizierinnen“, der Geschichte über die Söhne des Ödipus, Eteokles und Polyneikes, die sich im Krieg um die Herrschaft über Theben gegenseitig um- und eine Menge Leid über ihre Völker bringen.

Weshalb als Symbol des Elends nicht nur Steine, sondern auch tote Vögel auf die offene Bühne (Matthias Nebel) regnen. Ein paar edle Ledersessel stehen da planlos herum im desolaten Königs-Loft von Theben, und rechts ist eine Gummizelle mit schalldichter Tür eingebaut, hinter der Ödipus verwahrt wird. Was aber auch nicht verhindern kann, dass in so einer verkorksten Familie alle unter massiven Komplexen leiden.

Polyneikes beispielsweise hat eine Elfjährige geheiratet und ist bei Timocin Ziegler der coole Kriegertyp, dessen Lässigkeitspose nicht verschleiern kann, dass in ihm eine manische Getriebenheit waltet. Nicolas Streit wiederum gibt Eteokles wunderbar komisch als tuntigen Gockel mit Glitzermantel und Pelzkragen, ohne die Figur zur Knallcharge zu verflachen. Er lässt vielmehr das trotzige Kind durchschimmern, das in diesem Machtbesessenen steckt – und ihn besonders gefährlich macht. Beider Schwester Antigone ist bei Pola Jane O’Mara ein sympathisch eigenwilliger Dickkopf.

Großartig auch Mara Widmann als damenhafte Iokaste, die versehentlich ihren Sohn Ödipus geheiratet hat, weshalb sie beim Versuch, im Abgrund des Schreckens Würde zu bewahren, zwischen Fragilität und Verhärtung changiert. Der blinde Seher Teiresias ist dann bei Silas Breiding eine antike Drag-Queen mit lackierten Nägeln und veranstaltet bei seinen Prophezeiungen ein schamanisches Brimborium mit Gnu-Gehörn. Kreon schließlich, den Onkel der feindlichen Brüder, spielt Jonathan Müller als schnöseligen Start-up-Fuzzi mit Dreitagebart, der nach ihrem Tod die Herrschaft an sich reißt.

Aber die Hauptsensation sind die Mädels: der „Chor“ der Phönizierinnen, bestehend aus Ines Hollinger und der grandiosen Nina Steils. Obwohl sie mit ihren altmodischen Pensionatskleidchen kreuzbrav aussehen, entpuppen sie sich als durchtriebene Luder. Die frechen Kicher-Gören mit roten Pupillen erweisen sich als heimliche Spielmacherinnen, die den anderen Figuren Text vorsagen, den diese oft widerwillig nachsprechen. So sind die Mädchen eigentlich Schicksalsgöttinnen, Parzen im Lolita-Look, denen keiner entgeht. Großes Kino eben. Langer Jubel.

Weitere Aufführungen

am 5. und 18. Juli;

Telefon 089/523 46 55.

Artikel 5 von 6