Mozart-Verrenkungen

von Redaktion

„Die Entführung aus dem Serail“ in der Pasinger Fabrik

VON GABRIELE LUSTER

Mit Mozarts „Entführung aus dem Serail“ kann man allerhand anstellen. Das hat 2003 etwa Stefan Herheim bewiesen, als er bei den Salzburger Festspielen das vertraute Geschehen kühn unter einer Fülle fantasievoll-frecher Assoziationen begrub, aber die Aufmerksamkeit zielgenau auf Arien, Duette und Ensembles lenkte. In der Pasinger Fabrik ist es Stefan Kastner, der Mozarts Singspiel mit dem Text von Johann Gottlieb Stephanie d.J. angestrengt umdeutet und damit, trotz witziger Passagen, nicht ins Schwarze trifft.

Das Ganze spielt in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts auf Sizilien. Dort hat sich ein deutscher Kunstprofessor – er nennt sich Bassa Selim – mit Lieblingsschülerin Konstanze und weiteren Studenten wie Pedrillo, Blondy und der dazu erfundenen Camille niedergelassen. Es wird gebildhauert, gemalt, gefeiert und viel Geschwafel abgesondert. Dazu geschieht manches mehr zwischen dem verblasenen Guru und Konstanze, die ihren britischen Ehemann (!) Lord Bellmont verlassen hat, um sich Kunst und Professor zu widmen…

Da hakt es gehörig, weil der originale Belmonte bei Mozart doch sehr überzeugt ist von der Treue seiner Geliebten. Nicht zuletzt deren Standhaftigkeit ist es, die den echten Bassa dazu bringt, den vier Europäern die Freiheit zu schenken. In Pasing stürzt sich der von seiner Muse verlassene Professor wütend in den Ätna – und die ihn vergebens liebende Camille springt hinterher. Auf der geschickt genutzten Bühne (Valerie Dziki) mit dekorativem Kulissen-Vorhang hat Hausmeister Osmin seine Bude im Zwischenstock, wo er Blondy mit Fischstäbchen erobern will. Das amüsiert ebenso wie das am Zuschauerraum entlang flitzende Segelboot, mit dem der Lord anreist, wenn er nicht im Flieger sitzt. Bremsend wirken sich die Filmchen von Bassas spießigen Eltern oder Pedrillos Seemanns-Papa aus. Doch was weit schwerer wiegt als dramaturgisch-szenische Verrenkungen, ist die musikalische Fehleinschätzung.

Natürlich lässt sich Mozarts Partitur mit feinem Gespür für ein Streich- und ein Bläser-Quintett arrangieren und mit Esprit musizieren. Das wäre weit weniger schweißtreibend gewesen als das brachiale, nicht nur in den Janitscharen-Anklängen peitschende Dirigat. Damit verführte Andreas Pascal Heinzmann auch die Sänger zu ermüdendem Dauer-Forte. Nuancen und feine Gesangslinien mit zehnköpfigen Orchester im kleinen Raum auszuprobieren, all das schien gar nicht angestrebt. Es lag wohl auch nicht im Bereich des gesanglich Möglichen.

Julia Bachmanns Konstanze mangelte es an Leichtigkeit und Höhenglanz, stattdessen sprengte sie mit vibratoreichem Sopran durch die Partie. Obwohl auch Thomas Kiechle seinen Bellmont mit viel Tenorkraft ausstattete, gönnte er sich kleine Differenzierungen. Marcus Weisshaar stieg als umtriebiger Hausmeister Osmin nicht ganz in die gewünschten Tiefen, Michael Etzel stand als hasenfüßiger Pedrillo auch stimmlich im Schatten der mit Sopran-Gezwitscher kokettierenden Blondy. Den Bassa Selim steigerte Uli Zentner vom eitlen Aussteiger-Künstler zum wütenden Verlassenen, der noch beim Sprung in den Krater die Pose suchte.

Weitere Aufführungen

bis 18. August; Telefon 089/82 92 90 79.

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