Melancholie des Fliesenlegers

von Redaktion

Andreas Rebers und das Baumarktquartett mit „Kunst der Fuge“ in den Kammerspielen

Wie das mit der Spaltung der Gesellschaft funktioniert, zeigt Andreas Rebers in den fast vollen Münchner Kammerspielen mit Musik. Das Publikum singt „Froh zu sein bedarf es wenig“ – im Kanon. Parkett gegen Rang. Der Saal zieht mit und alle singen lautstark das gleiche Lied, aber gegeneinander.  So in etwa erlebt  Rebers es offenbar derzeit in Deutschland. Als Fliesenleger Günter König erkundet er in „Die Kunst der Fuge oder wenn der Fliesenleger kommt“ die latente Unzufriedenheit in diesem Land, in denen es vielen so gut geht wie nie zuvor. Auch König geht es gut. So viele Aufträge, dass er sich leisten kann, Anfragen von hochnäsigen Ingenieuren abzusagen und von der Anschaffung eines absurd großen SUV-Trucks zu träumen. „Ladefläche vier Mal fünf Meter, wenn ich das ausfliese, ist es ein Schwimmbecken“.

Aber König trauert alten Zeiten hinterher, in denen es seiner Meinung nach irgendwie besser war. Man hielt zusammen, er war als Selbstständiger sogar Mitglied in der Gewerkschaft, „obwohl das natürlich unsinnig war“. Fleißig ist man, das ist den schlesischen Vorfahren geschuldet, die im Himmel eine Stunde vor Gott aufstehen und dem Allmächtigen missbilligende Blicke zuwerfen, weil er es so lässig angehen lässt. Man glaubt an Ordnung und den rechten Winkel, ohne den das christliche Abendland nicht denkbar wäre, man denke nur an Jesus am – rechtwinkligen – Kreuz. Im Orient, so König, kennt man keine rechten Winkel, aber fliesen können die schon auch, wie er in der Hagia Sophia gesehen hat.

In Wahrheit war früher nicht alles besser, das wird dann im Laufe des Abends klar. Aber Herr König möchte es halt glauben. Die notorisch schlechte Laune muss man ja rechtfertigen können. Rebers macht das gut, diesen leicht nörgeligen, aber nicht unrechten Mann darzustellen, der nicht zurechtkommt mit der Welt und sich. Und der vielleicht, Rebers lässt das bewusst offen, anfällig geworden ist für allzu platte Weltsichten. Konzeptionell wirkt der Abend etwas unrund, wenn Rebers zwischendrin mal nicht mehr König ist, sondern eben Rebers, und das sehr hörenswerte Baumarktquartett musikalische Intermezzi beisteuert. Sehr langer und herzlicher Applaus am Schluss. Für Rebers, nicht für König. ZORAN GOJIC

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