Ein perfekter Sommerabend

von Redaktion

INTERVIEW  Opernstar Renée Fleming über ihr Programm für „Klassik am Odeonsplatz“

Die vergangenen Staatsopernauftritte von Renée Fleming liegen schon viel zu lange zurück. Fans des US-amerikanischen Superstars müssen aber trotzdem nicht verzweifeln. Beim diesjährigen „Klassik am Odeonsplatz“ gibt es am kommenden Samstag Gelegenheit, Fleming gemeinsam mit dem BR-Symphonieorchester zu erleben. Dies mit einem Programm, das sich von Tschaikowsky bis hin zu Broadway-Melodien spannt.

Der Abend bietet eine Mischung, bei der Sie Ihre Bandbreite zeigen. Waren Sie in die Zusammenstellung involviert?

Die meisten davon waren meine Vorschläge. Die „Last Rose of Summer“ aus Flotows „Martha“ passt für mich perfekt für einen solchen Sommerabend, und die Briefszene aus „Eugen Onegin“ war eine logische Ergänzung zum zweiten Teil, in dem Tschaikowskys Fünfte auf dem Programm steht.

Die Tatjana gehört zu Ihrem Repertoire. Hat sich Ihre Sicht auf die Rolle über die Jahre verändert?

Ich habe immer gesagt, dass es wahrscheinlich die Rolle ist, die meiner eigenen Persönlichkeit am nächsten liegt. Zuerst lernen wir sie als diesen leicht introvertierten, kindlichen Bücherwurm kennen, aber dann entwickelt sie sich zu einer selbstbestimmten Frau, die ihre Ziele klar im Blick hat. Damit kann ich mich sehr gut identifizieren.

Mit Korngolds „Kathrin“ wird noch eine zweite, etwas weniger bekannte Briefszene zu hören sein.

Das war eine Idee von unserem Dirigenten Alan Gilbert. Er liebt Korngold, und ich habe mich auch sofort in diese Nummer verliebt. Es ist eine unglaublich reiche Musik.

Wäre eine russische Nacht eine Option gewesen?

Es gibt einige Partien, die mich gereizt hätten. Die Lisa in „Pique Dame“ etwa. Aber das war damals genau die Zeit, in der all diese großartigen russischen Sängerinnen in den Westen kamen. Da habe ich schnell gemerkt, dass mich niemand in diesem Repertoire braucht. (Lacht.)

Trotzdem gäbe es ja die Möglichkeit, ein paar Lieblingsarien auszuprobieren.

Um ehrlich zu sein, ich beschäftige mich mit so vielen neuen zeitgenössischen Werken, dass für so etwas wenig Zeit bleibt. Gleich nach dem Münchner Konzert singe ich zum Beispiel „Letters from Georgia“ von Kevin Puts, der im Moment auch an einem neuen Stück für die Metropolitan Opera arbeitet. Das ist ein Projekt, auf das ich schon sehr gespannt bin. Es ist wichtig, dass wir uns für neue Werke einsetzen, nur so hat Oper eine Zukunft.

Neben zeitgenössischen Opern haben Sie 2018 mit Rodgers & Hammersteins „Carousel“ Ihr Musical- Debüt am Broadway gegeben. Ist das eine zweite Karriere?

Das hat sich eher durch Zufall ergeben. Die Anfrage kam zur richtigen Zeit, und ich hatte einfach Lust, das einmal auszuprobieren. Acht Shows pro Woche sind eine Herausforderung. Aber man findet auch bei einem Klassiker wie „You’ll never walk alone“ immer wieder Dinge, die man anders machen kann. Das hält die Sache frisch.

Sie scheinen Gefallen daran gefunden zu haben. Denn mit „The Light in the Piazza“, einem Stück von Rodgers‘ Enkel Adam Guettel, kam diesen Sommer in London gleich das nächste Musical.

Das ist noch einmal eine andere Situation, weil es diesmal nur eine sehr kurze Spielserie war. Aber ich freue mich schon darauf, wenn wir die Produktion Ende des Jahres in Los Angeles und Chicago wiederaufnehmen. Die Mutter ist eine Rolle, die mir viel Spaß macht, weil ich auf der Bühne endlich lustig sein darf. Dazu hatte ich bei meinen Opernrollen leider viel zu selten Gelegenheit.

Einige Ihrer Kollegen scheuen Open-Airs. Wie gehen Sie damit um?

Für mich gibt es nichts Schöneres, als unterm Sternenhimmel zu singen. Gerade an einem so wunderbaren Ort wie dem Odeonsplatz. Vor so vielen begeisterten Menschen zu stehen, gibt mir eine ganz besondere Energie.

Das Gespräch führte Tobias Hell.

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