Da ist doch künstliche Intelligenz im Spiel! Hat sich Ian McEwan von ihr die Formel für Literatur mit Bestseller-Garantie berechnen lassen? Seit seinem Welterfolg „Abbitte“ (2001) wird jeder Roman des Briten zum Verkaufsschlager. Mehr noch: Die Bücher wie „Am Strand“ oder „Kindeswohl“ werden nicht nur als Eindruck schindende Deko ins Regal gestellt, sondern – hurra! – auch gelesen.
Bester Beweis war die Lesung am Mittwochabend in der Großen Aula der LMU. Stiftung Literaturhaus und Diogenes Verlag hatten geladen – und konnten trotz der vielen Sitzplätze doch nicht allen Fans des Schriftstellers Eintritt gewähren. Zu viele sind es, die dabei sein wollen, als der 71-Jährige auf der Bühne mit „Zeit“-Redakteur Dirk Peitz plaudert. Als McEwan die Beine übereinanderschlägt, blitzen Ringelsöckchen unter seiner Anzughose auf. Das passt zu diesem humorvollen Mann, der im Gespräch so viel Witz und Feingeist versprüht. Warum er mit seinem neuen, „Maschinen wie ich“, ein Buch über künstliche Intelligenz geschrieben hat? „Das Thema fasziniert mich! Einmal wurden mir bei Amazon unter ,Das könnte Ihnen auch gefallen‘ verschiedene Bücher angeboten. Einer der Vorschläge war einer meiner eigenen Romane. Und es stimmt, der hat mir wirklich gut gefallen!“
Eine charmante Anekdote über den alten Dürrenmatt-Konflikt: Wie sehr dürfen wir uns von der Faszination über neue technische Errungenschaften leiten lassen – und dabei mögliche Folgen ignorieren? In „Maschinen wie ich“ betreibt McEwan ein verlockendes Gedankenspiel. Der Clou: Dieser Science-Fiction-Roman spielt nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit. Scherzhafter Einwurf des Autors: „Weil es viel leichter ist, die Vergangenheit vorauszusagen als die Zukunft.“ Der Brite hat sich einen Spaß daraus gemacht, das 20. Jahrhundert nach seinem Gusto umzuschreiben. Es ist das Jahr 1982 in London. Die Beatles aufgelöst? No, Sir! McEwan behauptet, sie hätten in diesem Jahr ein weiteres Album aufgenommen. Ein ziemlich mieses noch dazu. „So ist das, wenn Bands ignorieren, dass sie ihren Zenit überschritten haben“, kommentiert er lakonisch in München. Auch Alan Turing, Theoretiker der Computerentwicklung, lässt er nicht wie in der Realität 1954 sterben. Im Roman darf er weiterleben. Und entscheidend zur Erschaffung künstlicher Intelligenz beitragen.
So beginnt das, wovon wir nicht wissen, ob es Utopie oder Dystopie ist: 25 Androiden leben im London des Jahres 1982. Und mit Hauptfigur Charlie stellen wir uns die Frage, was das für das Leben auf der Erde bedeutet. Was ist Humanismus? Kann eine Maschine zum Freund werden? Reicht es, Gefühle zu imitieren? Einer der wichtigsten Sätze fällt zu Beginn: „Dann würde er mich scheinbar sehen, dabei war er blind. Und ein weiteres System würde anspringen und Atem vortäuschen, Leben aber wäre das nicht. Ein frisch Verliebter weiß, was Leben ist.“
Ian McEwan:
„Maschinen wie ich“. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes, 416 S.; 25 Euro.