Rauskommen, knappe Verbeugung, Arm leicht aufstützen und brav in die Biegung des Flügels stellen – Liederabend-Klischees, mit denen Anna Netrebko so gar nichts anfangen kann. Sie macht bei ihrem Auftritt bei den Münchner Opernfestspielen jedes einzelne Lied ihres bunt zusammengestellten Pro- gramms „Tag und Nacht“ zu einer halb-szenischen Arie, Requisiten inklusive!
Im ersten Lied „Siren‘“ von Rachmaninow wird der Flieder besungen. Passend dazu schreitet Netrebko am Arm ihres Pianisten Malcolm Martineau mit einem großen (Plastik?-)Fliederstrauß auf die Bühne des Münchner Nationaltheaters. Am Anfang des zweiten Konzertteils, der die Nacht zum Thema hat, lässt sie liebevoll einen silbernen Luftballon in Sternform steigen und singt mit Elena Maximova Tschaikowskys „Uzh vecher“ (Es wird Abend). Für Offenbachs berühmte Barcarole werden Fächer und Karnevalsmasken gezückt.
Anna Netrebko passt in keine Kategorien, sie ist ein Gesamtkunstwerk. Und als solches einmalig in ihrer Kunst, sich selbst zu inszenieren, sich die Bühne untertan zu machen und Musik zum Leben zu erwecken. Nur sie kann sich solche Dinge erlauben, ohne dass sie unangenehm affektiert wirken. Nur sie kann sich bei „Go not, happy Day“ von Frank Bridge hinter Martineau stellen und die Noten mitlesen, weil sie den Text noch nicht ganz beherrscht, um ihm danach einen Kuss auf den Mund zu drücken. Und nur sie kann sich erlauben, Richard Strauss’ „Morgen“, unterstützt vom jungen Geiger Giovanni Andrea Zanon, zu einer Belcanto-Nummer zu formen, gnadenlos als Vehikel ihrer wunderbaren Stimme zu nutzen, ohne Rücksicht auf textlich sinnvolle Phrasierung und inhaltliche Zusammenhänge.
Es ist eine Stimmfetisch-Wonne, wie besonders in den dramatischen russischen Liedern ihr Timbre erdig glüht, sie die untere Mittellage kraftvoll fluten lässt, ohne Abstriche in den leuchtenden Höhen machen zu müssen. Faurés „Après un rêve“ und Rachmaninows „Son“ werden zu nuancenreichen Farbenspielen.
Spätestens bei der ersten von nur zwei Zugaben – „Il bacio“ (Arditi) – hält es keinen mehr auf den Sitzen, alles jubelt dem Gesamtkunstwerk zu.