Wenn der Tod seine Hand auf deine Schulter legt, dann bist du in Salzburg, wo gerade Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ (1911 uraufge-führt) über die Bühne vor dem Dom ging. Peter Lohmeyer fährt auf einem angeranzten kleinen Rad zur Vorstellung und in der Nacht wieder zurück zu seinem Domizil. Da kann es eng werden zwischen den wegströmenden Zuschauern, sodass selbst der Tod den Halt verliert und sich abstützen muss. Während des „Spiels vom Sterben des reichen Mannes“ ist er aber nach wie vor der Souverän – und spielt auch so; insbesondere seine Körpersprache fasziniert durch surreale Magie. Deswegen wird selbst der wacklig radelnde Tod auf der Gasse beklatscht.
Mit der Wiederaufnahme des „Jedermanns“ von Hof-mannsthal (1874-1929), starteten die Salzburger Festspiele in ihre Sommersaison 2019. Mit Spannung erwartet wurden die neue Buhlschaft und der neue Gute Gesell/Teufel: Valery Tscheplanowa und Gregor Bloéb. Frisch im Ensemble sind außerdem Michael Masulas Schuldknecht, als abstürzender wohlhabender Mann gezeichnet, der Jedermann ein mahnendes Beispiel sein müsste, Markus Kofler als munterer Koch, Helmut Mooshammer als energischer Armer Nachbar, Björn Meyer und Tino Hillebrand als gar nicht lustiges Paar Dicker und Dünner Vetter. Keinem Regisseur fällt für die beiden etwas wirklich Witziges ein. Auch Michael Sturminger nicht, der im Übrigen seine Neuinszenierung von 2017 mit allerhand hübschen Ideen aufgemöbelt hat. Daher soll sie wohl auch im Jubiläumsjahr 2020 beibehalten werden (Gründung der Festspiele 1920). Die Gaudi gibt es bei ihm erst, wenn sich Teufel, Werke (Mavie Hörbiger) und Glaube wegen Jedermanns Seele fetzen. Falk Rockstrohs (auch neu) Allegorie ist ein herber, harscher, herrischer Glaube, der gegen den drohenden Satan schon mal die Colts, pardon: Kreuze zieht.
Trotzdem bietet der Herr der Finsternis, der juristisch ja korrekt argumentiert, Bloéb die große Absahne. Aus dem rot glühenden (Aufklappbühnen-)Schlund steigt er hervor: in rotem Pelz auf roter Haut, mit rot glitzernder Hose, passend der peitschenlange Schwanz und nette Hörnchen. Der Schauspieler, Bruder von Tobias Moretti/Jedermann, gibt selbstironisch die belzebübische Rampensau. Genau richtig für Hofmannsthals historisie-rendes Spektakel, das auf den englischen „Everyman“ zurückgeht. Gottes Gnade siegt über die Gerechtigkeit, die die Sünden nur buchhalterisch verwaltet. Jedermann darf gereinigt den Todeskuss empfangen. Dessen Guten Gesellen spielt Gregor Bloéb zunächst als schmierigen Kapitalistenzuträger mit mephistophelischer Anlage. Wenn es später für Jedermann ums Sterben und Rechenschaft-Ablegen geht, als Menschen wie du und ich – schwankend, unsicher.
Tobias Moretti ist als Jeder-mann heuer viel entspannter. Elegant formt er die Hybris aus, wenn er im hinzuerfundenen Text Dom und Domplatz zum Lust-Zentrum umbauen lassen möchte. Der abgehackt agierende Egoma-ne von 2017 ist geschmeidi-ger geworden. Trotzdem ist deutlich wahrzunehmen, dass ihm ein Regisseur fehlt, der hilft, die Figur ausreifen zu lassen. Die Szenen der Todesangst und des Aufbegehrens sind eher klischeehaft gestaltet – bis dann der eigentlich herausragende Schauspieler Moretti einige wahrhaftige Momente er-schafft.
Immerhin war Sturminger heuer so klug, der Buhlschaft einen besseren Auftritt zu verschaffen als Stefanie Reinsperger in den vergangenen beiden Jahren. Valery Tscheplanowas winziger Part wurde durch Show-Einlagen ausgebaut. Sie begegnet uns erstmals als Chansonnière im durchsichtigen Glitzer-Overall, die in einem Mittelalter-„Rap“ mit minimalistisch eingesetzter Erotik vom Tod singt. In der Bankett-Szene darf sie im rot fließenden Abendkleid ihr tänzerisches Können unter Beweis stellen (Musik: Wolfgang Mitterer; Ausstattung: Renate Martin und Andreas Donhauser; Choreografie: Andreas Heise). Im Übrigen lässt die Künstlerin das Wesen ihrer Beziehung zu Jedermann klug und feinsinnig in der Schwebe zwischen Zuneigung und Kalkül. Herzlicher, aber kurzer Applaus, weil die ersten Tropfen fielen.
Weitere Vorstellungen
bis 28. August; Karten: 0043/662/80 45 500.